Besinnliches zur Wallfahrt nach Langenfeld und St. Jost

VON P. RAUSCH

Lobenswerterweise nehmen die gläubigen Bewohner des Ahrtales regen Anteil an der Wallfahrt zur Muttergottes, der Trösterin der Betrübten, nach Kevelaer. Die Wallfahrten entstanden am Niederrhein vor 300 Jahren und im Ahrtal erst vor 120 Jahren. Wir können für unsere Heimat zwei bedeutend ältere Wallfahrten nachweisen: die über 800 Jahre alte Wallfahrt nach St. Mattheis zum Grabe des Apostels Matthias in Trier und die über 400 Jahre alte Wallfahrt nach St. Jost, wo der hl. Jodokus verehrt wird. Jost ist eine Kurzform von Jodokus — der Tapfere. Jodokus wurde um das Jahr 600 in der Bretagne im nordwestlichen Frankreich als Sohn des obersten Fürsten dieses Landteils geboren. Sein Vater hatte mehrere Söhne, von denen die beiden älteren Judicael und Jodok hießen. Nach seinem Tode wurde zunächst Judicael sein Nachfolger; aber nach etlichen Jahren verzichtete dieser zugunsten seines Bruders Jodok auf die Herrschaft. Jodok erbat sich jedoch Bedenkzeit und zog sich zur Überlegung in sein Heimatkloster Lan Maelmon zurück. Auf den Rat der Mönche, auch abgeschreckt durch das wenig christliche Leben merowingischer Könige und Königinnen, verzichtete Jodok darauf, König der Bretagne zu werden.

Gerade als er diesen schwerwiegenden Entschluß gefaßt hatte, traf er mit Rompilgern zusammen, denen er sich anzuschließen gedachte. Dann aber blieb er zu Ponthieu beim Grafen Haymo, um zu studieren und Priester zu werden.

Foto: Poeroth
St. Jost, Langenfeld, alte St.-Jodokus-Statue

Sieben Jahre war er Burgkaplan im Dienste des Grafen Haymo. Im Jahre 644 verließ er die Burg des Grafen, um als Einsiedler in der Einsamkeit für das Gottesreich zu arbeiten, zu beten und zu büßen. In seiner Einsiedelei am Bache Canche errichtete er ein Kirchlein zu Ehren des hl. Bischofs Martin, der rund 300 Jahre vor ihm lebte. Im Jahre 655 gründete er bachaufwärts seine dritte und letzte Einsiedelei und schuf mit dieser den Anfang der später weltberühmten Benediktinerabtei St. Jose sur Mer, zu deutsch St. Jost am Meer. Am 28. September 669 starb Jodok als Einsiedler. Er wurde in St. Jose sur Mer begraben. Bald wurde sein Grab von vielen Wallfahrern besucht, so daß man St. Josc sur Mer neben Rom, Santiago de Compostelain Nordspanien mit dem Grabe des Apostels Jakobus des Älteren zu den drei am meisten besuchten Wallfahrtsorten des Abendlandes zählte. Die Kirche feiert sein Fest am 13. Dezember.

Wie kommt nun die Verehrung des hl. Jodokus nach Deutschland, besonders auch m die Eifel? Dazu trugen zunächst die Benediktinermönche bei, für unsere engere und weitere Heimat die Benediktinerabteien St. Maximin in Trier, Priim und Maria Laach, sodann haben deutsche Fürsten die Verehrung des hl. Jodokus dadurch gefördert, daß sie selbst Wallfahrten zum Grabe des hl. Jodokus unternahmen und in ihren Ländern Gotteshäuser zu Ehren des Heiligen errichten ließen.

So unternahm Kaiser Ludwig IV., der Bayer, nach seinem Siege über seinen Gegner Friedrich den Schönen, bei Mühldorf (1322) eine Dankeswallfahrt zu dem Grabe des hl. Jodokus, und er unterstützte und veranlaßte seinen Vetter, den Herzog Heinrich von Niederbayern, in Landshut eine Kirche zu Ehren des hl. Jodokus zu errichten. Der Bau wurde 1338 begonnen, aber erst 1450 vollendet.

An den Wallfahrten deutscher Fürsten nahm auch ein Graf von Virneburg teil. Für seine Burgkapelle brachte er eine Reliquie des hl. Jodokus mit. Später ließen die Grafen von Virneburg in ihrem Gebiet am Zusammenfluß von Nitz und Achter-Bach eine Kapelle zu Ehren des hl. Jodokus errichten, der sie auch die Jodokus-Reliquie schenkten.

Da die Grafen von Virneburg damals auch die Herren der Grafschaft Neuenahr und der Herrschaft Saffenburg waren, so blühte die Jodokusverehrung auch im Ahrtal auf, und bald begannen die Wallfahrten nach St. Jost, die durch die Jodokusbruderschaften besonders gefördert wurden.

Seit der Zeit der Säkularisation (um 1800) wurden die Reliquien des hl. Jodokus in der alten Pfarrkirche zu Langenfeld aufbewahrt. Um das Jahr 1900 wurde unter tatkräftiger Leitung des Pfarrers Thewes innerhalb von zwei Jahren in Langenfeld der „Eifeldom" zu Ehren des hl. Jodokus errichtet, ebenbürtig der bis dahin größten deutschen Jodokuskirche im bayrischen Landshut.

Inneres der Wallfahrtskirche in Langenfeld
Foto: J. Alex Klein

Ohne in falschen Lokalpatriotismus zu verfallen, sei hier zu Ehren der Eifelbewohner folgender Vergleich gestattet: Von 1338 bis 1450, also 112 Jahre, baute man an der Landshuter Jodokuskirche, obwohl Kaiser und Herzöge diesen Bau unterstützten. Und in zwei Jahren errichteten um 1900 Langenfelder Handwerker und Bauern, tatkräftig unterstützt durch unentgeltliche Lieferungen von Tuff- und Basaltsteinen, aus den Brüchen von Weibern, Rieden, Ettringen, Mayen und Dachschicfern aus den Mayener Schiefergruben, die von den Bauern und Fuhrunternehmern der Umgegend kostenlos auf die Lanegenfelder Höhe gefahren wurden, den herrlichen Eifeldom, ohne staatliche Unterstützung, ja, anfangs sogar gegen den Willen der bischöflichen Behörde in Trier.

In diesem Eifeldom ruhen nun Reliquien vom hl. Jodokus. An den Wallfahrtssonntagen September-Oktober werden diese Reliquien nachmittags in feierlicher Prozession von Langenfeld in die Jedokuskapelle nach St. Jost zur Verehrung durch Tausende von Wallfahrern gebracht. Gefördert werden diese Jodokus-Wallfahrten in den letzten Jahrzehnten durch die Patres der Weißen Väter, die auch gleichzeitig die Pfarrstelle in Langenfeld segensreich verwalten. Wie auf dem Hunsrück, an der Nahe und an der Saar der hl. Wendelinus verehrt wird, so verehren die Bewohner der Eifel, der Mosel, des Rheins und der Ahr den hl. Jodokus. Besonders der Bauer betrachtet ihn als Schutzpatron und Helfer in den vielen Anliegen seines mühevollen Berufes.

Auch haben viele Maler des gläubigen Mittelalters den hl. Jodokus im Bilde dargestellt, wie er den Acker bestellt, wie er betend und segnend seine Ackerflur durchschreitet oder wie er die dem Landwirt nützlichen Tiere segnet. Manche Maler haben den hl. Jodokus dargestellt, wie er in einer Einöde seinen Stab ins Erdreich drückt, dabei auf eine Wasserader stößt, aus der dann ständig Wasser fließt. An diese Begebenheit knüpft wohl auch die heimatliche Legende an, die erzählt, daß auf die Fürbitte des hl. Jodokus hin das St. Joster Jodokusbrünnchen, etwa 200 m oberhalb der Kapelle, zu fließen begonnen habe.

Andere Maler bekunden durch ihre Darstellungen des hl. Jodokus große werktätige Liebe gegen Arme und Kranke.

St. Jodokus-Schutzpatron der Bretagne; St. Jodokus, Schutzpatron der Eifel. Auch hier sei ein Vergleich der Bretonen mit den Bewohnern der Eifel gewagt. Der große französische Gelehrte Louis Pasteur (gestorben 1895) wurde von frei-geistigen Gelehrten gefragt, wie es möglich wäre, daß er trotz seines Wissens gläubiger Christ sein könnte. Pasteur erwiderte den Zweiflern: „Weil ich durch Studium mir großes Wissen aneignen konnte, wurde ich so gläubig und fromm wie ein Bretone, und wenn Gott mir Gaben und Gnaden gibt, noch mehr Wissen zu sammeln, dann hoffe ich, so fromm zu werden wie eine Bretonin". So lobte der größte französische Gelehrte seiner Zeit das Christentum der Bewohner der Bretagne.

Ob die Eifelbewohner mit dem gleichen Schutzpatron unserer Zeit ähnliches Lob verdienen? Diese Frage soll hier nicht beantwortet werden. Vielmehr soll das Volk der Eifel, so wie ihre Väter es taten, durch ein werktätiges Christentum, getragen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Gottes- und Nächstenliebe, darauf selber die rechte Antwort geben, Nacheiferer des hl. Jodokus zu sein. Diesem großen Anliegen gelte auch der vielen Hundert Jahre alte Bittruf der Eifler: „Heiliger Jodokus, zu dir kommen wir. Deine Fürbitte begehren wir!"

Und beim Abschied beten sie: „Heiliger Jodokus, von Dir scheiden wir. Auf Deine Fürbitte vertrauen wir."