Königsfeld anno 1616

Dr. Peter Neu

Man schrieb das Jahr 1616. es war die unruhige Zeit vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Im Reich formierten sich die Fronten zwischen Katholiken und Evangelischen, aber davon hörte man in der abgelegenen Eifel wohl nurwenig. In derfesten Burg im kleinen Städtchen Königsfeld wohnte damals ein strenger Herr, der Freiherr Heinrich Reinhard Waldbott von Bassenheim. Er nannte sich „Herr von Königsfeld".

Am 10. April dieses Jahres 1616. es war der Mittwoch nach Weißen Sonntag, drangen Soldaten des Freiherrn in das Haus eines Bürgers namens Becker „bei nachtlicher weill wider alle fueg ohne einigen grundt und herbringen" ein. Was sie im Schilde führten, zeigte sich rasch.

Sie nahmen den Familienvater „gefänglich" fest. Dann schleppten sie ihn hinweg „von weib und Kindt in thorn". Dort ließen sie ihn „in Hafft ligen". Die Vorwürfe gegen Becker waren sehr verschwommen, angeblich hatte er sich nicht recht betragen.

Bald aber folgte ein neuer Vorfall. Er ereignete sich am 27. Juli. Nun war der Freiherr Waldbott von Bassenheim persönlich beteiligt. Es heißt dazu: „Der wohledell und vest Henrich Walpott von Baßenheim, Herr zu Königsfeldt, einem seiner Underthanen zu Königsfeld, Johann Haas genant, uff dem Widdumshoff daselbst zu Pferdt nachgerendt und denselben mit bloßer außge-reuffter Wehren von dem Hoff abgejagt." Der arme bedrohte Mann rannte zunächst innerhalb des Ortes um sein Leben, er wurde „im Stätlein herumb gejagt", dann endlich konnte er auf den Friedhof entkommen, wo er offenbar zwischen den Grabsteinen vorübergehend Deckung und Schutz fand. Schließlich wagte er sich wieder hervor, wurde dann aber „letztlich in dem widombs oder Pfarhof ergriffen und mit der Wehr darauß gezwungen". Auch er wurde ins Gefängnis gebracht, wo er „gleich einem Schelmen oder Dieb mit Waßer und Brodt" verpflegt wurde. Damit er auf keinen Fall floh, mußte der Schmied ihn „in Eisen schlagen". Weder Frau noch Verwandte durften ihn besuchen. Der Freiherr begehrte endlich 600 Reichstaler von ihm, eine unerhörte Summe, die ein einfacher Mann wie Haas nicht aufbringen konnte.

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Burg und Stadt Königsfeld (Zchg. Roidkin um 1725)

Das hört sich nun nicht gerade nach friedlichen Zuständen im kleinen Königsfeld an. Es war wohl eher eine Art von Menschenjagd, die hier geschildert wird. In der Tat ist der Vorgang sehr eigenartig, um nicht zu sagen einzigartig. Im 16. Jahrhundertwarfolgendes geschehen: Der Freiherr Waldbott von Bassenheim war in die Burg gezogen, er nannte sich recht eigenmächtig „Herr von Königsfeld", obwohl ihm nur ein Teil des Ortes und der Untertanen gehörte, der andere Teil gehörte zur Burg Landskron und damit einem Freiherrn von Quadt. Da war Ärger unvermeidlich. So forderte der von Bassenheim bald auch von den Leuten in Königsfeld, die ihm gar nicht gehörten, Frondienste und Abgaben. Diese Untertanen aber wollten nicht doppelt belastet werden, sie verweigerten dem Bassen-heimer zu Recht die geforderten Dienste, der Streit war da. 1575 ließ Johann Waldbott von Bassenheim gar einen Palisadenzaun quer durch den Ort ziehen, um klare Verhältnisse zu schaffen. Vom Gericht wurde er schon bald aufgefordert, den Zaun wieder einzureißen. Schließlich versuchte der Freiherr mit Gewalt, mit Gefangensetzung, mit Erpressung die Landskroner Untertanen an sich zu bringen. Das ist der Hintergrund zu der oben geschilderten Menschenjagd. Ein Höhepunkt im Laufe des Sommers 1616 war schließlich das Anrücken einer kleinen Streitmacht von „38 Muscetirer von Eußkirchen, die dem Landtfrieden zuwider" vor Königsfeld erschienen, in den Ort hineinschossen und Einlaß begehrten. In Landskron glaubte man Beweise dafür zu haben, daß der Freiherr Waldbott von Bassenheim die Soldaten angeworben hatte, um sich die Stadt Königsfeld ganz zu unterwerten. Erst ein „Hispanischer Capi-tain" machte dem Spuk ein Ende und die Musketiere „ab und in die flucht getrieben".

Dem Freiherrn Johann Friedrich Quadt, seines Zeichens Herr von Landskron, Königsfeld, Tomberg, Ehrenberg und Meyll, aberschien nun das Maß endlich voll zu sein. Er bestellte den kaiserlichen Notar Johannes Antzer aus Ahrweiler „uff das Kayserliche Schloß Landtscron". Hier erteilte er ihm am 29. Juli 1616 den Auftrag, zusammen mit zwei Zeugen nach Königsfeld zu reisen, um von dem Freiherrn Waldbott von Bassenheim eine Erklärung und schließlich die Freilassung der Bürger zu fordern. Wie gefährlich aber der Auftrag des Notars war, sollte sich bald erweisen.

Schon an der Stadtmauer wurde er aufgehalten, den Einlaß verwehrte man ihm zunächst. Die Pförtner sagten ihm, ohne „Vorwißen deß von Walpotten" dürften sie niemand einlassen. Man fragte ihn, wer er sei und zu wem er wolle. Als der Notar die gewünschten Antworten erfeilt hatte, sandten die städtischen Wächter einen Boten ins Schloß, von wo er „alsbaldt zurück kommen und gesagt, man solte gute Leuthe einlaßen".

Waldbott von Bassenheim saß zu Tisch, als ihm der Jurist gemeldet wurde. Er speiste in Ruhe zu Ende, inzwischen ließ er den Notar durch seinen Schreiber ausfragen. Dann kam er persönlich und hörte den Notar an, der vor allem erklärte, daß die beiden Bürger im Gefängnis Untertanen des Herrn von Landskron seien, der Freiherr möge sie auf freien Fuß setzen. Was folgte, muß wohl einem kleinen Donnerwetter geglichen haben. Der Jurist hat die Begebenheit später genau niedergeschrieben. Der Freiherr brüllte ihn an: „Ist erlogen! Die Pforfzen zu, und macht mir den Thorn auff, dann Ihr, Notarium, solt mir in daß underist Loch." Er beschimpfte den Notar als „Lumpen Notarius",forderfe ihn endlich lauthals auf, dem Freiherrn Quadt von Landskron mitzuteilen, daß er sich mit ihm duellieren wolle: „Ich wolte es mit der Klingen mit Ihme versuchen und besehen, wehr Recht nette, dann wan er redtlich wehre, so solte er sich doch einmahll sehen laßen." Dabei schlug Waldbott von Bassenheim immer wieder mit seiner Hand „ahn die Lincke seithen uff seine buchsen oder hosen ... und darbey ferner gesagt, wir erkennen den Quaden alhie zu Königsfeldt nitt vor einen Hern, achten Ihnen nitt und geben nicht uff Ihnen."

Der Gefangensetzung entging der Notar dann doch, er war sicher heilfroh, als er endlich mit seinen beiden Begleitern aus der Burg heraus und wieder in der Stadt war. Dorf kehrte er noch kurz bei Pfarrer Karl Wilhelmi ein. Aber kaum hatte er Platz genommen, so erschien der Freiherr auf dem Hof vor dem Pfarrhaus und forderte den Notar auf, sofort wieder herauszukommen. Der Notar berichtet dann weiter: „Alß nhun uff die Straßen vor Gerharden Beckers Behau-ßung zu Ihme Walpotten kommen, hatte er, Walpott, mich Notarium gefragtt, who meine Volmacht wehre. Worauff geantwortet, Ichhette weither keine Volmacht vom Herrn zu Landts-cron, als die vorgezeigte Requisitionsschrifft, welche.. der Herr zu Landscron mit selbst eigener handt...underschrieben." Der Freiherr begehrte, diese Schrift zu sehen, nahm sie in die Hand, gab sie endlich dem Notar zurück und verließ wieder unter allerlei Beschimpfungen den Hof. Kaum aber war er einige Schritte gegangen, so machte er erneut kehrt, rief den Notar wieder zurück „und gesagt, wan Ihr viell Zeugen hinderrucks meiner bey dem Pfaffen fuhren und nachfragen wolt, will ich die Huer, den Pfaffen und euch alle zur Pfortzen hinauß jagen." Der Freiherr glaubte also wohl, daß man im Pfarrhaus über ihn rede und Stimmung gegen ihn mache. Wieder wandte er sich ab, dann kam er erneut zurück, rief den Notar heran und drohte, er wolle am liebsten „mit dem greisen Lügner", dem Herren von Landkron, die Sache ausfechten. Dabei schlug er immer wieder mit der Hand gegen das linke Hosenbein, wo offenbar sein Degen hing.

Schließlich kam er noch einmal auf den Notar zu und begehrte erneut die mitgebrachte Schrift. Jetzt erst scheint er gesehen zu haben, daß der Freiherr von Quadt sie mit „Herr zu Landscron und Königsfeld" unterschrieben hatte. Das aber brachte nun erneut sein Blut in Wallung. Er schrie den Notar an, er brauche sofort „Feddern und Dinten". Der Notar wollte das Schreibgerät im Pfarrhaus holen. Aber so weit kam es nicht:

„Dhazumahll wehr des von Walpotten Lackey oder Diener unden in der Straßen gegen der Kirchen ungefehr kommen, welchem er uff Welsch oder Franzosisch zugeruffen, er solte ihme das Schreibgezeugh zubrengen, welche Fedder als er bekommen, hatte er Walpott in der Subscription (Unterschrift) die Worth „und Köningsfeldtt" durchstrichen, und darbey gesagt, Er muste ahn statt derselben wörther darsetzen „Herr zu Narrenhaußen"."

Der Notar verließ nun offenbar so schnell wie möglich mit seinen beiden Begleitern den Ort, wo er fast im Gefängnis gelandet wäre und wo man ihm wenig Freundlichkeit entgegengebracht hatte. Er eilte zurück nach Landskron und berichtete, wie es ihm ergangen war. Das jähzornige, aufbrausende Wesen des Freiherrn Waldbott von Bassenheim dürfte dabei ausreichend für Gesprächsstoff gesorgt haben. Hatte sich doch schon beim Aufenthalt an der Stadtpforte gezeigt, daß der eigentliche Herr von „Königsfeld" im Schloß saß.

Der Vorfall war für den Notar damit vorerst beendet. Dem Herrn Quadt von Landskron war diese Streiterei offenbar zuwider. Er veräußerte wenige Jahre später seinen Anteil an Königsfeld.

Zum Zeitpunkt, als Notar Antzer in Königsfeld weilte, saßen die beiden inhaftierten Bürger immer noch im Gefängnis der Burg. Sieblieben, als schwächste Glieder der Kette, im Elend zurück. Wann und ob sie überhaupt aus dem Gefängnis entlassen wurden, berichten die Quellen nicht.

Quelle
Landeshauptarchiv Koblenz. AbtI. 53 C 25. Akte 3129.