Die ehemalige Erzgrube Hürnigskopf bei Plittersdorf

Edgar Fass

Mit dem Ableben der letzten ehemaligen Bergleute als Zeitzeugen erlischt auch deren lebendiges Wissen und Erfahrung und somit auch die alte Bergbautradition im Einzugsgebiet des Sahrbachtals.

Dieser Artikel soll daher zumindest das Wesentliche dokumentieren. Zum Zeitpunkt der Befragung im Oktober 1993 lebten von der Belegschaft des einstigen Betriebspunktes Hürnigs-kopf des ausgedehnten Grubenfeldes Glückstal nur noch zwei Bergleute, die mir über die ehemalige Grube und ihre Arbeit Untertage berichten konnten. Es waren dies Martin Ginsterbium aus Hürnig, Gemeinde Plittersdorf, Jahrgang 1910, und Josef Palmersheim aus Mutscheid-Berresheim, Stadt Bad Münsterei-fel. Letzterer ist inzwischen im Alter von 89 Jahren verstorben.

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Plan der Erzgrube Hümigskopf.

Die Grube „Hümigskopf" liegt ca. 750 m nordwestlich Plittersdorf, etwa 250 m südöstlich der gleichnamigen Höhe (vgl. Zink auf der TK 1:25000 Blatt 5407 Altenahr). Sie gehörte zu den wirtschaftlich bedeutenden Gruben der Nordeifel in neuerer Zeit.

Die ehemalige Erzgrube „Glückstal" liegt überwiegend in Nordrhein-Westfalen. Lediglich einer der Betriebspunkte, die Grube Hümigskopf, befand sich teilweise auf dem Gebiet des Kreises Ahrweiler und daher im Zuständigkeitsbereich der heutigen rheinland-pfälzischen Bergbehörde. Von dort erhielt ich auch die Auskunft, daß die Erzlagerstätte des Bergwerkes im Bereich des Betriebspunktes Hümigskopf auf dem 25m-, 50m-, 75m-, 100m-, 125m-, 150m-, 175m (Burgsahrstollensohle) 205m und 230m-Sohlen abgebaut bzw. erschlossen worden ist.1) Die von mir befragten Bergleute hatten als Stollenteufen nur 100 m, 130 m und ein kleines Gesenk von nochmals 30m, also insgesamt 160m, in Erinnerung.

Diese Sohlen mit größerer Teufe entsprechen in etwa aufgerundet den amtlich dokumentierten Daten. Vermutlich ist die fehlende Kenntnis von den oberen bzw. den beiden tiefsten Teufen darauf zurückzuführen, daß der Abbau hier vor bzw. nach Beendigung ihrer dortigen Tätigkeit stattfand. Die Förderung bestand in Hümigskopf im Gegensatz zu den übrigen Betriebspunkten des Konzessionsfeldes Glückstal zumeist aus Zink (Zinkblende = Sphalerit) und nur wenig Bleierz. Im Gegensatz zu den Betriebspunkten Glückstal und Klappertshardt waren hier Kupfererze und Schwerspat (Baryt) überhaupt nicht anzutreffen. Dagegen fand man im Abbau des späteren Paulaschachtes der Grube Klappertshardt Zinkerz nur auf der 90m-Sohle. Das Grubenfeld Glückstal galt flächenmäßig als eines der größten in der Eifel.

Das Bergwerks- oder Konzessionsfeld Glücksfeld, dessen östliche Grenze der Sahrbach bildet, wurde am 5.1.1855 auf Kupfer, Zink, Eisenerz und Schwefelkies verliehen. Die Feldesgröße beträgt 2.614.334,5 Quadratlachter (1 Ql = 4,378 m) und ist im Grundbuch der Stadt Rheinbach Band 1, Blatt 8, eingetragen2).

Bergbaugeschichte:

Erste Erwähnung findet das Erzvorkommen in den Schriften des kaiserlichen Mineningenieurs Calmelet (1809:264), der von einem Bleierzgang am Hornigskopf berichtet, auf dem aber

noch nie Bergbau betrieben worden sei. Bereits 1917, also noch während des 1. Weltkrieges, fanden auf diesem Vorkommen etwa 250m südöstlich der flachen Kuppe des Hürnigskopfes, umfangreiche Untersuchungsarbeiten und Schürfversuche statt. Dabei wies man mittels Schürtgräben den Bleierz-führenden Gang auf über 50 m nach. Etwa 80 m davon entfernt wurde außerdem ein derbes, 30 cm mächtiges Sphalerit-(Zinkblende) Mittel entdeckt, das ab 1927 den Anlaß für einen großen Bergbaubetrieb gegeben hat (Rosenberger 1979). Die Mutungen gehen auf Carl Hürth (1877-1933) zurück.3) Von diesem erwarb im Jahre 1920 die Aktiengesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg und in Westfalen, die auf die alte Metallurgische Gesellschaft zurückgeht, das Grubenfeld Glückstal, also auch Hürnigs-kopf. Sie nannte sich später Stolberger Zink AG. Die Wiederinbetriebnahme des alten Silberbuschstollen im Sahrbachtal stellte man alsbald ein, da sich keine abbauwürdigen Erze fanden. Mit Erfolg arbeitete die Gesellschaft jedoch im 1922 eröffneten Burgsahrstollen als man auf 85 Meter Länge einen bauwürdigen Gang mit 3-50 Zentimeter vorfand.

Aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des darauffolgenden Jahres und die Ruhrbesetzung durch französisch/belgische Truppen bewirkten, daß mit fast allen anderen Betrieben der Bergwerksgesellschaft auch diese Grube stillstand.

Im Jahre 1927 setzte sie die Arbeiten fort, indem man einen neuen Schacht nahe dem Hürnigskopf eröffnete und auf der 175m-Sohle auch wieder den ergiebigen Burgsahrstollen erreichte bzw. aufwältigte.4)

Die dort im Laufe der Zeit geförderten Erzmengen erwiesen sich als beachtlich und gewinnbringend, was auch die befragten Bergleute bestätigten.

Der Bergbau endete auf Hürnigskopf 1936, da das Erzvorkommen erschöpft war.5) Im Januar 1937 nahmen elf Bergleute und zwei Angestellte der Belegschaft der stillgelegten Grube Hürnigskopf ihre Arbeit in Klappershardt auf. Dagegen spricht Knoll (1979) davon: „Der Betrieb wurde 1939/40 stillgelegt, obwohl die Lagerstätte noch nicht erschöpft gewesen sein soll."6) Herr Palmersheim bestätigte dem Verfasser, daß die Erzgänge schließlich ganz aufhörten.

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Arbeiter beim Aussortieren und Wiegen des Erzes an der Rampe vor dem Förderturm der Grube Hürnigskopf.

Die Tagesanlagen

Direkt nördlich der Straße und etwa 250 m nordwestlich des kleinen Weilers Hürnig teufte man den Schacht ca. 240 m ab. Über diesem stand der in Holzkonstruktion errichtete Förderturm. Nach Schätzungen der Bergleute erreichte er eine Höhe von 8-10 m. Der Förderturm auf der Nachbargrube Klappertshardt war eine Eisenkonstruktion und mit ungefähr 20 Meter wesentlich höher. Da die Gesellschaft aufgrund des geringes Umfangs der Erzlagerstätte offensichtlich nur von einer kurzen Betriebsdauer bzw. Fördertätigkeit ausging, beließ sie es bei einer kostengünstigen Holzkonstruktion des Förderturms. Dies brachte beim Abteufen der tieferen Sohlen später jedoch den Nachteil mit sich, daß die Belastbarkeit nicht ausreichte und man Untertage eine zusätzliche kleinere Fördermaschine einbauen mußte.

Unmittelbar an der Straße standen Baracken für Schmiede, Zimmerei, Büro und ein Aufenthaltsraum für die Belegschaft. Über der Fördermaschine bzw. den Kompressoren seitlich vom Förderschacht stand eine weitere Baracke. Ein Brunnen lieferte der Grube das Wasser. Er befand sich in der Nähe der Einfahrt zum Bergwerksgelände.

Die Schachtanlage und weitere Schürfversuche

Das Werk bestand aus einem versetzten Schacht mit in südlicher Richtung vorgetriebenen Strecken. Der Hauptschacht mündete in die am weitesten ausgebaute und westlich Richtung Mutscheid verlaufende 100m-Sohle (s. Skizze des Grubenrisses). Der sog. Blindschacht endete aus Gründen der Wasserhaltung noch 7 m tiefer als die unterste Sohle. Von der 125m-Sohle ausgehend stieß man nach weiteren 30 m Tiefe wieder auf den ergiebigen Zinkerzgang. Um den sich in dieser Tiefe fortsetzenden Erzgang von 25-30 m Länge zu erreichen, teufte man am Stollenende der 125m-Sohle bzw. sog. Blindschacht ein 30 m tiefes Gesenk ab (Gesenk ist ein senkrechter Schacht ohne Ausgang). Die Verbindung zwischen den beiden Sohlen stellte eine zusätzliche durch ein Stromaggregat betriebene kleine Fördermaschine her. Dieses Gesenk war nach beiden Seiten jeweils bis zu 20 m aufgefahren. Hier endete die Erzader, nachdem sie bald immer enger und schmäler geworden war. Schließlich schnitten sie Klüfte gänzlich ab. Der Erzgang trat vordem nahe der Straße auf einem beackerten Sattel zutage. Eine weitere Mutung unternahm die Gesellschaft in geringer Entfernung vom Hürnigskopf in der Flur „Nössdall". Der von hier ebenfalls südwestlich Richtung Mutscheid abgeteufte Versuchsschacht erbrachte jedoch keine neuen Erzaufschlüsse. Ebenso erzleer erwies sich das hier noch zusätzlich vorgetriebene Gesenk.

Die Erzgänge und der Stollenausbau

Diese Grube soll an sich rentabel gearbeitet und beachtliche Ergebnisse bei der Ausbeute von qualitativ guten Zinkerzen und untergeordnet auch von Blei gebracht haben. Die Breite des Erzganges wechselte zwischen maximal 10-20 cm und teilweise 30-35 cm und erweiterte sich stellenweise sogar auf 1 m bis zu 1,50 m.

Stabile Gesteinsformationen bzw. Schichten des Gebirges erleichterten im Gegensatz zu der nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten Grube Klap-pertshardt die Arbeit der Bergleute vor Ort. Die geologischen Verhältnisse ermöglichten einen sparsamen Verbrauch bei der Verbauung des Grubenholzes bzw. machten es stellenweise sogar ganz entbehrlich. Der Stollenausbau erreichte etwa Zimmerhöhe.

Transport des Erzes

Für den Transport kippte man ausgesuchtes Stückerz auf Haufen und wog jeweils eine Menge von 50 Ztr. ab. Dieses Volumen brachten zweispännige Pferdefuhrwerke zum Verladebahnhof in Kreuzberg. Das Derbzinkerz gingvon dort zur Hütte nach Münsterbusch bei Stolberg. Als Fuhrunternehmer wird in erster Linie Franz Hupperich aus Binzenbach genannt. Zeitweise führte auch Herr Hölzern aus Plittersdorf Transporte aus.

Bei einer Ladekapazität von 50 Ztr. mit 5 Fuhrwerken und 2 Fahrten täglich kann also von einer geschätzten Förderrnenge von 500 Ztr. (25  t) pro Tag ausgegangen werden. In der Dissertation von Volker Reppke7) ist von einer Gesamtfördermenge von etwa 50.000t die Rede.

Die Schachtanlage

Das Sprengstoffmagazin befand sich Untertage auf der 10Om-Sohle. Der Schacht war unterteilt in einen Förderschacht und einen Fahrschacht. Im Fahrschacht ermöglichten Leitern im Notfall die Flucht bzw. man konnte die Sohle erreichen. Den Fahrschacht sicherten in Abständen von jeweils 3 m Holzbühnen. Ein kleiner Teil des Schachtes war wiederum für Rohrleitungen abgetrennt. Die Schachtverkleidung bestand aus Eichenholzstämmen. In Abständen von 50 m bzw. z.T. auch bereits nach 25 m verbanden Aufhaue die 100m- bzw. 125m-Sohle.

Arbeitsschichten und Entlohung der Bergleute

Die Bergleute arbeiteten in jeweils 2 Schichten zu 8 Stunden. Auf der späteren Grube Klappertshardt gab es bei den Arbeiten zum Abteufen des Schachtes und dem Streckenausbau der geologisch sehr unstabilen 200m-Sohle einen Wechsel von 3 Schichten zu jeweils 6 Stunden. Auf Hürnigskopf verdienten hochgegriffen etwa 60 Beschäftigte einschließlich der Angestellten ihr Brot. Davon arbeiteten Untertage pro Schicht etwa 20-25 Mann.

Die Arbeitslöhne sind im Vergleich zur heutigen Zeit zwar außerordentlich gering. Doch man wußte es in der damals wirtschaftlich schlechten Zeit mit ihrer Massenarbeitslosigkeit zu schätzen, eine vergleichsweise gesicherte Arbeitsstelle und ein festes Einkommen zu haben. Die Arbeiter, welche im Grubengelände (z.B. bei der Erzaufbereitung) zum Einsatz kamen, erhielten einen Schichtlohn von 4 Mark und 5 Pfennige. Für die Bergleute Untertage gab es pro Schicht mit 5 Mark fünfzig Pfennige einen etwas höheren Lohn.

Die Signalgebung für die Maschinisten erfolgte Untertage akustisch durch sog. Anschläger. Das Amt des Knappschaftsältesten hatte Herr Trimborn aus Mutscheid inne. Herr Hermann Langenbach von Mutscheid-Hardtbrücke istais Steiger zu nennen. Erwähnt sei noch, daß am Festtag St; Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, die Belegschaft der Grube, an der später auch die Kollegen von der Grube Klappertshardt teilnahmen, an einer Messe in der Kapelle in Plittersdorf teilnahmen, und sich in einem Gasthof des Ortes zu einer Feier versammelten. Bei dieser Gelegenheit trugen die Bergleute ihre Bergmannsuniform.

Mineralienfunde von der früheren Halde

Die jetzt nicht mehr zugänglichen bzw. für den Wegebau abgefahrenen Haldenrest nördlich von Hürnig an der Straße nach Effelsberg enthielten neben Quarz, teilweise in kleinen Spitzen auskristallisiert, und derbem Bleiglanz (Galenit) ebenfalls derbe und dunkelbraune Zinkblende (Spalerit). Letztere kam bisweilen in wenige Millimenter großen Kristallen als sog. Rubinblende vor. Als Fundmaterial ist noch Eisenspat (Siderit) mit bis zu 5 mm großen Kristallbildungen zu nennen. Ein für Hürnigskopf einzigartiges Prachtexemplar einer Bleiglanzstufe im Besitz des Herrn Ginsterbium mit einer Kantenlänge bis zu 4 cm gibt als Belegstück Zeugnis vom einstigen Erzreichtum dieser Gegend. Heute deutet in der Landschaft kaum noch etwas auf den Standort des Bergwerk Hürnigskopf mit den früheren Tagesanlagen hin.

Quellen:

  1. Lt. Bergbehörde Rheinland-Pfalz in Koblenz, Az. 122X111/129.

  2. Lt. Bergamt Aachen.

  3. Jahrbuch Kreis Ahrweiler 1984: Carl Hürth und der Bergbau im oberen Ahrtal von Heinrich Schaefer. S. 162.

  4. Die alte Bleierzgrube Glückstal in der Mutscheid von Karl Leopold Kaufmann in „Die Eifel", 38. Jahrgang 1937.

  5. Die letzten Jahre des Bergbaus in der Mutscheid von 1934 bis 1942 von Friedrich Karl Knauer. In: Mutscheider Heimatbuch 1993.

  6. Bergbau Im Sahrbachtal, Jahrbuch Kreis Ahrweiler 1979.

  7. Informationen verdankt der Verfasser auch der Dissertation von Volker Reppke an der Georg-August-Universität zu Göttingen mit dem Thema: Varistische und postvaristische Buntmetallminerafisa-ionen in der östlichen Eifel (linkssrheinisches Schiefergebirge) Ein mineralogischer und bergbauhistorischer Überblick (1993).