Werden Mädchen in der Schule benachteiligt?
Erziehungsprobleme als eine Aufgabe der neuen Gleichstellungsbeauftragten - Evelyn Dirks drei Monate im Amt

Die neue Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Ahrweiler, Evelyn Dirks, ist drei Monate im Amt. In ihre Alltagstätigkeiten hat sie sich eingelebt. Jetzt setzt sie einen ersten thematischen Schwerpunkt. Bei der Erziehung und der Schulpolitik geht es ihr um die Frage der Chancengleichheit von Mädchen im gemischten Unterricht. Eine Fortbildungsreihe, die sich auf Kursleiterinnen konzentriert, startet in Kürze in der Familienbildungsstätte Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Werden Mädchen in der Schule von Jungen unterdrückt? Schenkt man der bundesweiten Diskussion von Wissenschaftlern, Lehrern und Politikern Glauben, muß diese Frage zumindest teilweise mit einem klaren Ja beantwortet werden. Jungen werden im Unterricht doppelt so häufig aufgerufen wie Mädchen. Jungen werden öfter gelobt oder getadelt, weil sie sich in den Vordergrund drängen und mehr beachtet werden. Mädchen werden öfter unterbrochen und von Jungen abgekanzelt. Lehrer benutzen Mädchen als "soziale Puffer" und setzen brave und fleißige junge Frauen neben rüpelhafte Jungen, damit diese ruhiger werden sollen.

Nichts geringeres als der gemischte Unterricht von Mädchen und Jungen (Koedukation), einst als pädagogische Reform gefeiert, steht derzeit bundesweit auf dem Prüfstand. Denn Untersuchungen zeigen, daß Mädchen gerade in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern durch Jungen zurückgedrängt werden. Schlechte Noten und Frust sind die Folge. Und: Weil die schulischen Grundlagen fehlen, verschlechtern sich die Berufsaussichten junger Frauen in der zukunftsträchtigen Computerindustrie oder im Ingenieurwesen. Bei den Studenten der Elektrotechnik beispielsweise lag der Frauenanteil im Sommersemester 1993 bundesweit unter vier Prozent (96 Prozent Männer), beim Maschinenbau unter fünf Prozent.

Viele sehen die Koedukation, also den gemischten Unterricht, bereits als gescheitert an. Evelyn Dirks geht nicht so weit, spricht aber, in Anlehnung an den Landesfrauenrat Baden-Württemberg, von einer "reflektierten Koedukation". Neues Nachdenken ist also angesagt. Die AW-Gleichstellungsbeauftragte schlägt beispielsweise spezielle Kurse in naturwissenschaftlichen Schulfächern und im PC-Bereich ausschließlich für Mädchen vor.

Bei der Fortbildungs- und Diskussionsreihe, die am 3. Juli in der Familienbildungsstätte beginnt, will Evelyn Dirks alle Kursleiterinnen von Müttergruppen ansprechen und für das Problem sensibel machen. "Ich möchte alle erreichen, die in irgendeiner Form mit der Erziehung von Kindern zu tun haben", betont sie in einem Pressebericht der Kreisverwaltung. Später werde sie den Kontakt zu Kindergärten und Schulen suchen.

Die Erziehungsprobleme von Mädchen und jungen Frauen sieht die AW-Gleichstellungsbeauftragte als "eine" ihrer Aufgaben an. Dies fügt sich nahtlos in ihr früheres Betätigungsfeld ein. Im katholischen Bildungswerk Meckenheim war die Sozialpädagogin zwölf Jahre zuständig für die Eltern-Kind-Arbeit und die Fortbildung von Sozialpädagogen.

Und wie sehen die alltäglichen Tätigkeiten in ihrem Büro im Altgebäude des Kreishauses aus? "Die Bürgerberatung nimmt viel Zeit in Anspruch", schildert die 47jährige ihre Eindrücke nach drei Monaten als Gleichstellungsbeauftragte im Kreis Ahrweiler. Scheidung, Beruf, Renten und Sozialhilfe sind typische Themen, die Frauen ihr vortragen. Außerdem hat Evelyn Dirks in den vergangenen Wochen den Kontakt zu Personen, Institutionen und Parteien aufgenommen, die sich im AW-Kreis mit den Belangen von Frauen befassen.

Info: Kreisverwaltung Ahrweiler, Wilhelmstraße 24-30, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler, Gleichstellungsbeauftragte Evelyn Dirks, Ruf 02641/975-349, vormittags von 8.30 bis 13 Uhr.





© Kreisverwaltung Ahrweiler - 20.06.1996