Neue Schulen im Kreise Ahrweiler

VON HEINRICH BIER

„ Das zurückliegende Geschäftsjahr war durch drei wichtige Ereignisse, und zwar zunächst die Bildung der .Westdeutschen Bundesrepublik' und das dadurch bedingte Inkrafttreten des Besatzungsstatuts wesentlich beeinflußt. Die deutschen Behörden haben im großen und ganzen ihre eigene Entschluß- und Handlungsfreiheit wieder erhalten. Die Kontrolle der Militärregierung ist auf ein Mindestmaß eingeschränkt worden. Weiter haben die Auswirkungen des Marshall-Planes die Lage günstig beeinflußt und eine wesentliche Lockerung in der Zwangsbewirtschaftung ermöglicht..." (Verwaltungsbericht des Landkreises Ahrweiler für das Rechnungsjahr 1949) Unter diesen Voraussetzungen begann der Wiederaufbau der Schulen im Landkreis Ahrweiler.

Um die Ausgangssituation durch ein Einzelbeispiel schlaglichtartig zu beleuchten, noch folgendes Zitat aus dem gleichen Bericht: „Realgymnasium. Durch die Neuwieder Schulbankfabriken sind weitere 15 Bänke . . . geliefert worden. Der aus den Trümmern des Schulgebäudes an der Wilhelmstraße geborgene Rest des Flügels ist für 50,— DM verkauft worden."

Wenn auch größere bauliche Schäden an Volksschulen im Verlaufe der Kampfhandlungen erfreulicherweise ausblieben, so wurden doch die Lücken sehr bald offenkundig: 1. Die Mehrzahl der Schulbauten -wurde in den Jahren vor dem l. Weltkrieg errichtet. Zwischen den beiden Weltkriegen wurde im gesamten Kreisgebiet Ahrweiler — einschließlich dem im Jahre 1932 zugewachsenen Teil des früheren Kreises Adenau — lediglich die aus dem 19. Jahrhundert stammende „Holzschule Krälingen" durch einen Neubau ersetzt. Ein Schulbau zwischen den Jahren 1918 und 1939 — diese Tatsache beantwortet eindeutig die Frage nach Bauzustand und Brauchbarkeit der zu Beginn der Aufbauperiode verfügbaren Klassenräume — ganz zu schweigen von der Qualität des verbliebenen Inventars.

2. Der Zuzug an Neubürgern in Verbindung mit dem erfreulicherweise zu verzeichnenden Geburtenüberschuß erforderte nicht nur beschleunigte Bereitstellung von Wohnraum, sondern auch schnelle Beseitigung der Schulraumnot. Hierzu sagen Zahlen überzeugender aus als Worte: Die Bevölkerungsdichte nach der Einwohnerzahl im Jahre 1925 betrug

im alten Kreisgebiet Ahrweiler

131,5 Menschen je qkm

im 1932 zugewachsenen Kreisgebiet Adenau

42,2 Menschen je qkm

im Durchschnitt

89,2 Menschen je qkm

nach der Einwohnerzahl im Jahre 1939
(= 65952)                                     93 Menschen je qkm

nach der Volkszählung am 13. 9. 1950
(= 74039)                                     105 Menschen je qkm

nach der Volkszählung am 6. 6. 1961
(= 83 441)                                     118 Menschen je qkm

Die Zunahme der Bevölkerung betrug

1939_1950 8087 = 123 auf Tausend,

1939—1961 17489 = 265 auf Tausend,

wobei für die hier aufgeführte Übersicht der Überschuß der Geborenen von 5592 sowie der Überschuß der Zuzüge von 3810 allein in der Zeit vom 14. 9. 1950 bis 5. 6. 1961 bemerkenswert ist.

Mit zunehmender Wirtschaftskraft wurden die daraus sich ergebenden Aufgaben im Bereich des Schulwesens nachdrücklich angepackt. Bis Ende des Jahres 1963 wurden Volksschulbauten errichtet bzw. Schulgebäude verbessert:

Oscar Lorenz
Hauptgebäude des Staatl. Neusprachl. und Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums Ahrweiler

Jahr    Ort    Klassenzahl
1952   Cassel   1klassig mit Nebenräumen,
1 Lehrerdienstwohnung
   Blasweiler   1klassig,
1 Lehrerdienstwohnung
  ev. Bad Niederbreisig 2klassig
1953   Kaltenborn   1klassig mit Nebenräumen,
1 Lehrerdienstwohnung
1957   Leimersdorf   2klassig und Lehrerdienstwohngebäude
   Wiesemscheid   1klassig und Lehrerdienstwohngebäude
   Niederzissen   Erweiterung,
Lehrerzimmer, Nebenanlagen
1958   Löhndorf   2 Lehrerdienstwohnungen
   Wirft   1klassig,
1 Lehrerdienstwohnung
1960   Hönningen   2klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen
   Ahrbrück   2klassig mit Nebenräumen,
1 Lehrerdienstwohnung
1961   Königsfeld   1klassig,
1 Lehrerdienstwohnung
   Harscheid-Sierscheid   1klassig,
1 Lehrerdienstwohnung
   Oberzissen   Erweiterung,
1klassig mit Nebenräumen,
1 Lehrerdienstwohnung
   Leimersdorf   2klassig mit Nebenräumen,
2 Lehrerdienstwohnungen
1962   Bodendorf   4klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen
   Heimersheim   6klassig,
1 Gruppenraum,
7 Nebenräume
   Reifferscheid   2klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen
1963   Nohn   2klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen
   Dedenbach   2klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen
   Oberwinter   9klassig
   Kripp   6klassig
   Westum   3klassig
2 Lehrerdienstwohnungen
   Kreuzberg   2klassig,
2 Lehrerdienstwohnungen

Insgesamt wurden in diesem Zeitraum Schulbauten für einen Gesamtbetrag von 5671485 DM erstellt. In dieser Aufstellung sind die von der Landsiedlung aufgebrachten Beträge für den Neubau der Volksschulen in Ahrbrück, Blasweiler, Cassel und Kaltenborn nicht enthalten. Die Aufwendungen in Höhe von 5671485 DM erhöhen sich demnach noch um die Kosten für die genannten Schulbauten im Gebiet des ehemaligen Luftwaffenübungsplatzes Ahrbrück, der seit dem Jahre 1950 wieder besiedelt wurde. Weiterhin erfordern die im Jahre 1963 im Bau befindlichen 12 Volksschulen einen Betrag von insgesamt 7900800 DM reiner Baukosten. Somit wurden im Ahrkreis am Ende des 2. Weltkrieges bis zum Ende des Jahres 1963 für Volksschulgebäude rund 14000000 DM aufgewandt, an deren Aufbringung Land, Landkreis und Gemeinden sowie die Landsiedlung beteiligt waren. Vorerst befinden sich weitere 7 Bauprojekte in der Planung.

Von 62 einklassigen,
29 zweitklassigen,
7 dreiklassigen,
12 mehrklassigen (Klassenzahl zwischen
4 und 14)

insges. 110 Volksschulen im Kreise Ahrweiler sind demnach in 14 Jahren 24 neu erbaut bzw. verbessert worden; werden demnächst 12 Volksschulen als Neu- oder Umbauten bezugsfertig, demnach in rund 15 Jahren = 26 Volksschulen. Lediglich zur Abrundung des Bildes «ei erwähnt, daß erhebliche Mittel erforderlich waren und auch in Zukunft aufzubringen sind für die Einrichtung der neuen Unterrichtsräume sowie die für einen modernen Unterricht gemäßen Lehrmittel.

Die Pflicht der Öffentlichkeit, den schulpflichtigen Kindern einen bestmöglichen „Start ins Leben" — non scholae sed vitae discimus! (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) — zu bieten, ist nur dann erfüllt, wenn jedem Kind seine Chance gegeben ist. Nach amtlichen Unterlagen waren im Jahre 1961 im Bundesgebiet von 6100000 schulpflichtigen Kindern 143696 = 2,4% nicht in der Lage, dem normalen Volksschulunterricht zu folgen (Denkschrift des Verbandes Deutscher Sonderschulen, März 1964). Ihrer Lernbehinderung die adaequaten pädagogischen Hilfen zu bieten, ist Aufgabe der Sonderschulen. Derzeit besuchen nach Angaben des Verbandes Deutscher Sonderschulen in Städten der Bundesrepublik durchschnittlich mindestens 5% aller schulpflichtigen Kinder Sonderschulen für Lernbehinderte, Sprachkranke, Sehbehinderte, um nur einige Zweige dieser Schulgattung im Rahmen des allgemeinen Schulwesens zu nennen. Im ländlichen Gebiet sind diese Möglichkeiten kaum geboten. Dank der Aufgeschlossenheit aller damit befaßten Persönlichkeiten und Dienststellen kann jedoch in absehbarer Zeit mit der Errichtung der ersten Sonderschule für lernbehinderte Kinder im Kreise Ahrweiler gerechnet werden. Wenn in Bezug auf diese Einrichtung später einmal zu berichten sein wird, dann sollten beim Spiegel der Zahlen nur diejenigen angeführt werden, deren jede ein Kind ausweist, dem der Weg zu einem erfüllten und zufriedenen Leben geebnet wurde.

Dem gleichen pädagogischen Ziel dienen ebenso die weiterführenden wie die berufsbildenden Schulen, die im Heimatkreis in fast ausgewogen zu nennender Art und Anzahl vorhanden sind. Von den höheren Schulen blieben die privaten Mädchengymnasien Ahrweiler und Nonnenwerth vor Kriegszerstörung bewahrt, so daß der Unterricht dort sehr bald wieder aufgenommen werden konnte. In gleicher Lage befand sich das Progymnasium Adenau, während das Realgymnasium Ahrweiler-Bad Neuenahr in Ahrweiler im letzten Kriegsjahr durch Bomben total zerstört wurde. Die notdürftige Unterbringung in der Landeslehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau — so dankbar diese Möglichkeit zur Wiederaufnahme des Unterrichts auch begrüßt wurde — war unzureichend. Vor allem machten sich Raumabmessungen und geringe Raumzahl nachteilig bemerkbar; es fehlten u. a. geeignete Räume für den Unterricht in Chemie, Biologie Musik, Zeichnen und Turnen. Trotz dieser ungünstigen Nebenumstände stieg die Schülerzahl von

1949 = 236 Schüler auf
1950 = 260 Schüler an.

Auf Wunsch der Elternschaft wurde die Anstalt ab 1. 4. 1950 in ein Neusprachliches Gymnasium umgewandelt. Die erwartete Verstaatlichung scheiterte an der fehlenden Zustimmung des Finanzministeriums, die erst 2 Jahre später erfolgte.

Berufsschule Ahrweiler

Mit dem Wiederaufbau am alten Standort wurde im Mai 1951 begonnen — am 8. 1. 1953 wurde das neue Gebäude seinem Zweck übergeben. Infolge der Aufteilung des Bildungsweges in einen neusprachlichen sowie einen mathematischnaturwissenschaftlichen Zweig wurden weitere Klassenräume benötigt, die im Jahre 1962 einen Erweiterungsbau erforderlich machten. Zur Zeit umfaßt die Anstalt 18 Klassen mit weit über 500 Schülern.

Der steigende Zugang zu weiterführenden Schulen brachte in jüngster Zeit auch für das Staatl. Progymnasium Adenau neue Probleme mit sich.

Der Zugang in die Eingangsklassen

  Ostern 1963 = 38,
Anmeldungen Ostern 1964 = 63,
voraussichtl. Anmeldungen Ostern 1965 = 68,
voraussichtl. Anmeldungen Ostern 1966 = 59,
voraussichtl. Anmeldungen  Ostern 1967 = 64,

kann bei den jetzigen räumlichen Verhältnissen nicht bewältigt werden, da eine Teilung der Sexta nicht möglich ist. Bereits seit Jahren muß etlichen Sextaner-Eltern geraten werden, ihre Kinder in Internatsschulen zu geben. Trotz dieser Erschwernisse besuchten zu Beginn des (Kalenderjahres 1964 aus dem Einzugsbereich der Anstalt andere zum Abitur führende Schulen ohne vorherigen Besuch des

Progymnasiums 81 Schülerinnen)
nach Abschluß des Progymnasiums 30 Schüler(innen)
insgesamt: 110 Schüler(innen)

Die räumlichen Verhältnisse werden sich bei Fertigstellung des im Frühjahr 1964 begonnenen Neubaues erfreulich verbessern — die schulischen auch besonders insoweit, als durch Einbau eines Lehrschwimmbeckens den Leibesübungen der ihnen gebührende Platz eingeräumt ist. Es steht zu hoffen, daß den Bemühungen um den Ausbau dieses Instituts zur Vollanstalt Erfolg beschieden sein wird. Bei den dann erleichterten Bedingungen des Schulbesuchs (Teilungsmöglichkeit der Klassen, Wegfall der Notwendigkeit der Einschulung in Internate, bzw. Schulwechsels nach Abschluß des Progymnasiums) und der daraus zwangsläufig sich ergebenden Erweiterung des Einzugsgebietes darf eine tragfähige Oberstufe als gesichert anzusehen sein. Die Erreichung dieses Zieles wäre eine wünschenswerte äußere Anerkennung dieses seit 50 Jahren mit Erfolg wirkenden Institutes. Bereits jetzt ist die erstaunlich hohe Zahl des hier herangebildeten pädagogischen Nachwuchses auffällig — es besteht kein Anlaß zu der Vermutung, bei erleichterten Bedingungen des Schulbesuches könnten die vorhandenen „Intelligenzreserven" bald erschöpft sein.

Berufsschule Sinzig

Spezielle Förderung pädagogischer Nachwuchskräfte für den Volksschuldienst betreibt die „Besondere Oberstufenklasse" beim Staatlichen Aufbaugymnasium in Bad Neuenahr, in der Absolventen von Realschulen oder Gymnasiasten mit Versetzungszeugnis zur Oberstufe ausschließlich auf das Studium an Pädagogischen Hochschulen vorbereitet werden. Auch diese Anstalt (1947 als Pädagogium eingerichtet, 1950 als Aufbauschule, seit über 1O Jahren als Aufbaugymnasium wirkend) mit zur Zeit an 300 Schülern und Schülerinnen wird in Kürze über ein neues Schulgebäude verfügen. Der vielfältige Bedarf an Nachwuchs für gehobene Berufe in der technischen Fertigung, in Handel und Verwaltung, hat in das Blickfeld der Öffentlichkeit eine Schulart gerückt, deren Ausbaufähigkeit im Heimatkreis vor einem Jahrzehnt mindestens sehr umstritten war: die Realschule. Mit Einweihung der Realschule für Jungen und Mädchen in Remagen am 13. 4. 1964 bestehen nunmehr 3 Realschulen (Mittelschulen) im Kreisgebiet:

in Ahrweiler als private Schule der Ursulinen für Mädchen,
in Ahrweiler als staatl. Schule für Jungen,
in Remagen als staatl. Schule für Jungen und
Mädchen.

Die Planungen für die beiden staatl. Institute erlauben einen baldigen Baubeginn, das Projekt eines Neubaues der Priv. Realschule der Ursulinen befindet sich in der Vorplanung.

Bei Abschluß dieser Vorhaben wären — abgesehen vom Bedarf im Bereich der Volksschulen einschließlich Sonderschulen — auf absehbare Zeit alle derzeitig bestehenden Schulen in modernen — mindestens jedoch ausreichenden— Gebäuden untergebracht, nachdem am 29. 4. 1958 in Ahrweiler und am 24. 1. 1959 in Sinzig neue Berufsschulgebäude bezogen werden konnten. Diese Bildungsstätte mit ihren Fachabteilungen entsprechend dem Wirtschaftsaufbau im Einzugsgebiet nebst den angegliederten Handelsschul- und Berufsaufbauklassen, zeigt schon allein in der Art ihrer technischen Ausstattung, daß hier Ausbildungs- und Bildungsbemühen lebenspraktische Bezüge auf weisen. In der Lebenspraxis, im Beruf, gehört die Zukunft sicherlich nicht dem Spezialisten auf einem engbegrenzten Sachgebiet, sondern zweifellos der Fachkraft mit breiter Bildungsbasis. Abgesehen von der noch zu erreichenden Abrundung des Schulwesens in Bezug auf Sonderschulen kann festgestellt werden, daß im Landkreis Ahrweiler alles nur Mögliche und Erreichbare getan wurde, um der heimischen Jugend bestmögliche Voraussetzungen für die „Bewältigung der Zukunft" zu bieten. Nun ist es Sache der Eltern und aller Verantwortlichen, die gebotenen Chancen zu erkennen — Sache der jungen Generation, sie mit Eifer zu nutzen!

Ihr Bildungswille sollte den von der Öffentlichkeit gezeigten Aufbauwillen noch übertreffen.

Dann, nur dann, ist die Gewähr für eine weitere dynamische Entwicklung des Schul- und Bildungswesens im Heimatgebiet gegeben.

Bildabdrucke der im Kreise Ahrweiler errichteten Volksschulen sind im Kalendarium veröffentlicht. Weitere Bilder werden im Heimat-Jahrbuch 1966 im Kalendarium wiedergegeben werden.