Der schwarze Tod in Kirchdaun

(1666-1668) 

VON GEORG JAKOB MEYER

Die letzte größere Pestepidemie, die unser rheinisches Land heimsuchte, war in den Jahren 1666—1668. Sie forderte allgemein nicht so viele Opfer wie jene 30 Jahre vorher, als noch der Dreißigjährige Krieg das Land entvölkerte. Manche Orte aber mögen bei dieser letzten Seuche noch stärker in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Das dürfte bei der Pfarrei Kirchdaun zutreffen, die vor dem Dreißigjährigen Krieg nur 30 Familien zählte, was einer Personenzahl von etwa 150 entspricht. 85 Personen raffte der Tod innerhalb kurzer Zeit hinweg aus dieser kleinen Gemeinschaft, und das ist mehr als die Hälfte der Pfarreinwohner. Zur Pfarrei Kirchdaun gehörten damals die Orte Kirchdaun, Gimmigen und Niedernierendorf. Der seinerzeitige Pastor von Kirchdaun nahm es mit der Eintragung in die Sterberegister sehr genau und vermerkte jedesmal zu dem Namen des Verstorben „starb an der Pest". Auch gab er das Alter der Verstorbenen an, und bei den Kindern auch die Namen der Eltern. Nach seinen Eintragungen starben sie versehen mit den Tröstungen der Kirche, beerdigt auf dem kirchlichen Friedhof. Trotz dieser vielen Gefahren durch Berührung der Kranken oder den Aufenthalt in ihrer unmittelbaren Nähe blieben der Pastor Pützfeld und sein Nachfolger Pastor Odenkirchen von dieser unheimlichen Krankheit verschont, während in Ahrweiler 6 Geistliche starben. Ober die Zahl der Pesttoten gibt das Sterbebuch der Pfarrei Kirchdaun Auskunft. Es starben 5 im Jahre 1666, i starb 1667, 77 starben 1668 und 2 im Jahre 1660. Insgesamt wurden in der Zeit von 2/2 Jahren 85 Personen, davon allein 77 im Jahre 1.668 Opfer der Pest. So war 1668 das eigentliche Pestjahr, und zwar starben die 77 Mitbürger in der zweiten Jahreshälfte. Besonders hoch war die Sterblichkeitsziffer in den Monaten September mit 14, Oktober mit 19 und November mit 15 Todesfällen. Dann hörte plötzlich das große Sterben auf, und in den drei folgenden Monaten starb nur je eine Person. Wenn wir die Todesziffern im rechten Licht betrachten wollen, müssen wir uns vor Augen halten, daß wir es hier mit einer sehr kleinen Pfarrei zu tun haben, die im Jahre 1618 nicht mehr als 30 Familien im ganzen Kirchspiel zählte. Die Zahl der Familien im Jahre 1666 dürfte 40 nicht überstiegen haben. Es mag kaum eine Familie ohne einen Pesttoten gegeben haben. Mehrere Familien verloren drei Personen, darunter zwei Kinder an einem Tag.

Kirchdaun
Foto: Rudi Schmickler

Auffallend ist, daß ganz besonders die heranwachsende Generation hinweggerafft wurde. Von den 85 Toten waren allein 6l unter 20 Jahre alt. Dabei ist die Zahl der im Säuglingsalter Verstorbenen sehr klein.

Man ist versucht zu glauben, daß bei diesem großen Sterben die Kinderfreudigkeit starke Einbußen erlitten hätte. Das ist nicht festzustellen. Es wurden geboren 1668: 7 Kinder, 1669: 6 Kinder; beide Zahlen entsprechen einem mittleren Zuwachs. 1670, als die Pest endgültig erloschen war, wurden sogar 14 Geburten gezählt, eine weit über das Mittel hinauswachsende Zahl. So zeigt sich, wie stark der Wille des Menschen zum Leben ist.

Wir können deutlich zwei Pestzeiten feststellen, die erste vom Mai 1666 bis Februar 1967, welche nur 6 Tote forderte. Dann trat eine Pause von einem Jahr ein. Am 1. Juni 1668 begann dann die große Pestzeit, der 79 Personen zum Opfer fielen. Es war eine Zeit der Angst und des Grauens. Niemand war vor der Heimsuchung sicher. Man nannte sie „sterbend Luft". Es war so, als ob die Luft von der Pest erfüllt wäre und man schon mit dem Atem die Krankheit in sich aufnähme. Durch Isolieren der Kranken suchte man sich vor Ansteckung zu schützen. Aber wer sollte die Pestkranken pflegen, wer sollte ihnen die Sterbesakramente spenden, wer sollte sie begraben? Man bereitete zwar Tränklein aus Krautern und Wurzeln, aber all dieses zeigte sich als kein sicheres Abwehrmittel. Einzelne Personen gelobten die Errichtung von Wegkreuzen; die Zahl der heute noch im Volke bekannten Pestkreuze ist noch recht groß. Ganze Pfarreien gelobten Prozessionen zu Wallfahrtsstätten oder einen bestimmten Tag als Fasttag zu halten. Noch heute gibt es einzelne Pfarreien, in denen nach der Sonntagsmesse bestimmte Gebete verrichtet werden, gemäß einem in der Pestzeit abgegebenen Gelöbnis.

Die Epidemie 1668 war die letzte Pestseuche, die unser Land heimgesucht hat. Ärztliche Kunst und staatliche Sicherheitsmaßnahmen, vor allem die Schutzimpfungen, halfen diese Krankheit fernzuhalten.