Ein Stück Weg
mit Theodor Seidenfaden

Zum 85. Geburtstag des Dichters
VON
WALTHER OTTENDORFF-SIMROCK

Zum ersten Male gingen wir in den Tagen des Rheinischen Dichtertreffens in Oberwesel aufeinander zu. Als damaliger Bürgermeister der turmumwehrten mittelalterlichen Rheinstadt hatte ich 1936 die westdeutschen Dichter und und Schriftsteller zu Gast geladen.

Mir war Theodor Seidenfaden schon vertraut durch sein weit gefächertes Werk rheinischer Erzählkunst. Als Simrocknachfahre mit dem Sagengut des Rheinlandes verbunden, hatte ich vor allem die Rheinsagen — in ihrem „eigenwilligen Sprechstil aus gegenwärtigem Zeitgefühl" an Wilhelm Schäfer geschult — mit wacher Anteilnahme und auch kritischem Sachverstand gelesen. Ich kannte die Schwankbücher, Legenden und „Spiele" und die großen Sagen-Epen, in denen der Dichter — nach Simrock

und Kralik — die altdeutschen Spielmannslieder wiedererweckte1) und die Geschichte der germanischen Stämme und der deutschen Kaiser neu erzählte2). Gleiches Interesse fanden später bei mir seine Märchen, Fabeln und Parabeln, die Novellen und der Roman „Hans Memling, der Meister von Brügge", der wenige Jahre nach dem Oberweseler Dichtertreffen erschien und 1952 in einer deutschen, 1953 in einer flämischen Ausgabe erneut zahlreiche Leser fand: In den für ihn besonders charakteristischen „erdachten Gesprächen" richtet Seidenfaden den Blick immer wieder auf große Persönlichkeiten der Weltgeschichte, u, a. die Seherin Hildegard von Bingen, Meister Eckehart, Nikolaus von Cues, Giordano Bruno, Leibniz, Hamann und Herder, Goethe und Schiller, Dürer und Memling» Bach und .Beethoven. Als ich den damals Fünfzigjährigen bei der Eröffnung der Ausstellung „Romantiker am Rhein" im Rathaussaal der Stadt Oberwesel begrüßte, konnte ich nicht ahnen, daß sich nach dieser ersten kurzen Begegnung unsere Wege noch häufig kreuzen sollten, ja, daß uns eine echte Freundschaft eines Tages verbinden würde. Bei mancher Verschiedenheit der Temperamente und des geistigen Standorts trafen wir uns in der Liebe zum heimatlichen Strom, dessen Symbolkraft seit den Zeiten des Nibelungenliedes bis in die heutige Literatur hinein in der Dichtung lebendig geblieben ist. So berühren mich die persönlichen Aussagen von Theodor Seidenfaden in seinem „Lebensabriß", 1956, in denen er sein Dichtertum charakterisiert, nachhaltig; sie schlagen verwandte Seiten an: „Meine dichterischen Arbeiten strömen aus den Antrieben des Lebens. Sie wurzeln stofflich und seelisch im rheinischen Volkstume, das heißt nicht so sehr im Sachlichen als im Gefühlsstrome volklichen Lebens und in der Neu-Aufnahme und Neu-Formung seiner eingewurzelten Motive. Volkstum ist mir kein Abgeschlossenes, das sich lehrend weitergeben oder mit Trachten- und Heimatfesten wiederbeleben läßt: es ist ein ewig Werdendes, das sich speist aus den Gegebenheiten und Begrenzungen des Seins, jedem Volke also das ihm eigene Gesicht erhält und weiter bildet.. ."

In all den vielen Jahren fruchtbringender Begegnungen mit dem Menschen und Dichter bewunderte ich seine Aktivität und Produktive tat, seinen Elan und seine Ausstrahlungskraft, die selbst noch heute auf junge Menschen wirkt. Vor wenigen Jahren wurde er eingeladen, vor den Primen der Frankfurter Gymnasien Balladen zu rezitieren. Aus der vorgesehenen einen wurden zwei Stunden, da die jugendlichen Zuhörer stürmisch immer weitere Zugaben erzwangen. Die starke Persönlichkeit von Seidenfaden hält also auch in unseren Tagen trotz allen Kassandra-Rufen einer kritischen Jugend Stand. So war es auch viele Jahre lang, wenn er aus seinen eigenen Werken las: „Im kleinen Saale sammeln Männer und Frauen der großen Stadt sich: sie erwarten den Dichter. Er kommt, und der Raum schweigt. Er sitzt unter den Lauschern und liest, was er formte: Schicksal des deutschen Menschen, von Höhen und Tiefen des Lebens, vom Ringen mit den Mächten der Finsternis, von Niederlage und Sieg.3) So ist es auch jetzt noch, wenn Seidenfaden im Freundeskreise aus einem neuen Manuskript vorträgt: „Wir hingen alle an dem Seidenfaden", äußerte ein Gast nach der Lesung aus dem Buch „Jungfernbeichte" im Hause Brandes in Wiesbaden unter dem Eindruck des Gehörten. Mir selbst steht der Erzähler Seidenfaden besonders nahe, der schlicht und tiefschürfend zu gleich das Menschliche ohne Superlative, oft in der von ihm bevorzugten Form des Märchens, dem Leser bewußt macht. Ohne Zweifel ist die musikalische Begabung, die den fähigen Instrumentalisten in der Jugend zwischen dem Beruf des Pädagogen und dem des Musikers schwanken ließ, nicht ohne Einfluß auf seine dichterische Entwicklung geblieben. In Dur und Moll bewegt sich auch sein Wortschatz. So lesen wir in der reizvollen Erzählung „Der junge Schulmeister und das Mädchen Regine"4): „Da nahm er die Geige und spielte, indes der Sommerabend verblaßte, und die Melodie, die ihm in die Saiten glitt, nannte er die Weise vom hilfreichen Manne... Die Töne ließen ihn ins. "Künftige fliegen, und er ahnte eine Welt, in der die Menschen sich finden, weil der Hilfreiche die Suchenden zusammenführt... Ohne daß

er wüßte, was geschah, entriegelte sich ihm der Kern seines Wesens: er wollte suchen und mußte helfen, daß sich entfalten könne, was in ihm und im Herzen derer schlummere, die sich ihm anvertrauten, und während der Bogen über die Saiten glitt, sah er das Höchste — Wahrhaftigkeit, die ungeblendet das klare Auge der Allmacht spiegelt."

Neben dem Epiker steht gleichwertig der Lyriker. Seidenfaden beherrscht die Kunst des Versmaßes, die Ausgewogenheit des Reimes und des Wortes. In seinen Versdichtungen zeigt sich die Meisterschaft der Form:

Immer ist Chaos im Strudel des Lebens: unter den Völkern j oder im eigenen Sem, oft auch im kreißenden All l Seine Gewalten zum Bilde zu ordnen, fugend das Schöne — / Kosmos, der adelt und zeugt — ist uns der Dichter gesandt.

Es wäre absurd und auch der Persönlichkeit des betagten Dichters nicht würdig, wollte man an ihn und sein Schaffen die Maßstäbe heutiger Literaturkritik anlegen. Viele der in der Gegenwart beliebter! Schlagworte, von der „Frustation" bis zur „Progressivität" und „Provokation", sind auf ihn schwerlich anwendbar. So besteht in manchen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen den Weg des „Rufers", den Seidenfaden heute mit Vorliebe geht. Aber es darf nie vergessen werden, daß es auch jetzt noch Erlebnisstrecken des Dichters gibt, die ihn von der Seite zeigen, die seine Freunde und Leser wohl am stärksten anspricht: das Echo des rheinischen Naturells, die Überlegenheit des vielseitig Wissenden und die Klarheit des sprachlichen Ausdrucks.

Immer wenn ich Theodor Seidenfaden nach einer längeren oder kürzeren Zeitspanne wieder gegenübersitze, zu einem Freundesgespräch oder einer sachlichen Diskussion, überrascht mich die geistige und körperliche Elastizität eines Mannes, aus dem heute noch — fern von der Abgeklärtheit des Alters — die Begeisterungsfähigkeit eines Jünglings spricht. Neue Pläne und neue Ideen beschäftigen den lebendigen Geist dieses Dichters, der ein ewig Werdender ist, einer der Letzten aus dem Kreis der rheinischen Dichter, aber einer, der die Tradition dieses Dichterbundes noch als Verpflichtung empfindet und rein bewahrt.

  1. Das Heldenbuch. Freiburg, Herder-Verlag, 1930.
  2. Das Schicksalsbuch. Freiburg, Herder-Verlag, 1932.
  3. Aus dem noch unveröffentlichten Lesebuch „Hans Michael Guckeborn
  4. Mühchen, Türmer-Verlag, 1956.