Die Fritz Beck-Straße

Ein interessantes Stück Straßengeschichte im Brohltal 

Karl Schäfer

Seit fast 60 Jahren ist die heutige Kreisstraße 69, Fritz-Beck-Straße genannt, eine notwendige und nicht mehr wegzudenkende Verkehrsverbindung der Lützinger Höhe an das Brohltal und an den Rhein.

In der scharfen Kehre, bevor diese Straße wieder in die B 412, in die Brohltalstraße, einmündet, erinnert ein schlichtes Denkmal aus heimischem Stein an den seinerzeitigen Amtsbürgermeister Fritz Beck, nach dem auch die Straße benannt wurde. Amtsbürgermeister Fritz Beck stand dem damaligen Amtsbezirk Burgbrohl von 1911 bis 1934 vor. In seiner langjährigen Tätigkeit war er ein tatkräftiger Förderer der heimischen Wirtschafts- und Verkehrsverhältnisse. Besonders in den wirtschaftlichen Notjahren während und nach dem 1. Weltkrieg war es stets um das Wohl der Bürger bemüht. Gleichzeitig strebte er laufend Verbesserungen der schwachen Strukturverhältnisse an.

Gedenkstein für Bürgermeister Fritz Beck

Die Initiative zum Bau dieser Straßenverbindung reicht bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück. In einer Gemeinderatssitzung der Gemeinde Oberlützingen vom 10. 12. 1912 unter dem Vorsitz von Bürgermeister Beck und des Gemeindevorstehers Peter Mosen heißt es unter Punkt 1 der Tagesordnung:

»Nach eingehender Erörterung der Gemeindewegeverhältnisse, die den Zeitverhältnissen nicht mehr entsprechen, beschließt der in beschlußfähiger Anzahl zusammengetretene Gemeinderat, den Vorsitzenden zu ermächtigen, das seinerzeit fallengelassene Vorhaben des Ausbaues eines ordnungsmäßigen Verbindungsweges von Oberlützingen nach Burgbrohl durch den Wolfsgraben erneut aufzugreifen und das weitere hierzu in die Wege zu leiten. Insbesondere wegen Bewilligung von Zuschüssen an den Kreis und die Gemeinde Burgbrohl heranzutreten«.

Im nächsten Jahre werden konkrete Einzelheiten zu dem geplanten Wegebau und seiner Notwendigkeit festgestellt. Im erhaltengebliebenen Beschlußbuch der früheren Gemeinde Oberlützingen heißt es dazu unter dem 09. 08. 1913:

»Der Gemeinderat beschließt, den Ausbau eines Kommunikationsweges von Oberlützingen nach Burgbrohl entsprechend dem vom Kreisbaumeister zu Mayen festgestellten Projekt nebst Kostenvoranschlag, dessen Höhe sich einschließlich der Grunderwerbskosten auf 31.500 Mark stellt.

Kurvenreich windet sich die Fritz-Beck-Straße auf die Brohltalhöhen

Der in Aussicht genommene Wegebau ist für die nördlich des Brohltals gelegene Gemeinde Oberlützingen ein besonders in wirtschaftlicher Hinsicht längst dringend empfundenes Bedürfnis, weil zudem an der Hauptverkehrsstraße im Brohltal gelegen, direkt'aneinandergeschlosse-ne Orte Burgbrohl und Niederoberweiler, die nächste Eisenbahn- und Güterfrachtstation, auch Sitz der Verwaltungsbehörde, Arzt und Apotheke sind, keine regelrechte, sondern nur schlechte und steilhängige Wege führen, die nur mit kleinsten Lasten befahren werden können.

Den Weg aus eigenen Mitteln auszubauen, ist die Gemeinde, die sich lediglich aus kleinen Ackerern, zwei Gewerbetreibenden, im übrigen aus Tagelöhnern und Fabrikarbeitern ergänzt, völlig außerstande, zumal die Gemeinde vor die Forderung einer neuen Wasserversorgungsanlage gestellt ist, auch in absehbarer Zeit die Einrichtung einer zweiten Lehrerstelle näher zu treten gezwungen sein wird. Die Kosten des Ausbaues sollen in der Weise aufgebracht werden, daß aus dem Provinzial-fonds auch vom Kreis möglichst hohe Wegebaubeihilfen erbeten werden. Unter Berücksichtigung dieser Umstände bittet die Gemeinde, dem Antrag stattzugeben und fraglichem Zwecke möglichst hohe Beihilfen zuzuwenden, da dieselbe nur in diesem Falle in die Lage versetzt sein wird, die Wegeverbindung überhaupt auszuführen. Gegebenenfalls erklärt sich die Gemeinde bereit, vom Tage der Projektgenehmigung ab gerechnet, den Wegebau in einer Frist von 5 Jahren auszuführen«. Der 1. Weltkrieg brachte alle Pläne und Vorhaben zum Straßenbau nach Oberlützingen zum Erliegen, doch bereits am 26.12.1918 wird der Wegebau Burgbrohl - Oberlützingen erneut in einer Gemeinderatssitzung behandelt. Es heißt, daß in Anbetracht der augenblicklichen wirtschaftlichen Notlage der Wegebau als Notstandsarbeit ausgeführt werden könnte. Erst im Jahre 1923 wird ein Wegezweckver-band Burgbrohl - Oberlützingen gegründet, der in seiner 1. Sitzung am 22. 02. 1923 die unverzügliche Inangriffnahme des Wegebaues als »Notstandshilfsaktion« in Folge der Rhein-Ruhr-Besatzung vorschlägt. Mit der technischen Oberbauleitung wurde Provinzialstraßenmeister Klein aus Brohl und mit der Ausführung das Bauunternehmen Rick aus Burgbrohl betraut. Für die Arbeitsdurchführung sollten nur Arbeitskräfte in Frage kommen, die durch die gegebenen Zeitverhältnisse brotlos geworden waren.

Beim Bau der Fritz-Beck-Straße 1926

Während im Februar 1923 zur Finanzierung der Straße noch angesparte Barmittel zur Verfügung standen, heißt es im Sitzungsprotokoll der Gemeinde Oberlützingen vom 10. 09. 1924, daß der früher angesammelte Wegebaufonds in Höhe von 8.000 Goldmark ein Opfer der Inflation geworden war. Bei den Verhandlungen über die Entschädigung der abgetretenen Grundstücke wurden für die Rute (ca. 14 qm) 10 Goldmark eingesetzt, während für die Obstbaumentschädigung beispielsweise an den Bürger Heinrich Rothbrust aus Oberlützingen 2.000.000 Mark in bar gezahlt wurden.

Ungeachtet dieser schwierigen finanziellen Situation wurde 1923 mit dem Wegebau begonnen, gleichzeitig mit der Strecke Burgbrohl-Oberlützingen wurde auch die Teilstrecke Nie-derlützingen-Brohltal in Angriff genommen. Es war die Zeit des passiven Widerstandes, und die Entlohnung der Arbeiter erfolgte mit den sog. »Rhein-Ruhr-Geldern«. Die Entlohnung als solche wurde als sehr gut bezeichnet, jedoch, so berichtet die Chronik von Burgbrohl, waren ständig ein bis zwei Personen auf Reisen zur Herbeischaffung der Gelder. Die Arbeitsmoral war allerdings äußerst schlecht, die Chronik spricht sogar von einer allgemeinen Arbeitsunlust. Der Chronist konnte es sich nicht verkneifen, diese mangelnde Arbeitsmoral mit folgender Darstellung kundzutun:

»...selbst Arbeitswillige, von den übrigen geneckt und verleitet, verfielen ihr bald. Stets sah man die Arbeiter in Trupps zusammenstehen und, das Kinn auf den Stiel der Schaufel oder Hacke stützend, sich unterhalten. Man redete scherzhaft von einer neuen Krankheit, der »Kinnladenstippkrankheit«. Einmal soll man sogar den Arzt gerufen haben, zu einem »Kranken«, dem der Stiel der Spitzhacke beim allzulangen Stehen durchs Kinn gewachsen war!

Aber die Rückwirkungen kamen bald, als Ende Oktober 1923 die staatlichen Unterstützungen aufhörten, die Gemeinden keine Gelder mehr zur Verfügung hatten und die Arbeiter entlassen werden mußten. Da hätte mancher gerne gearbeitet, wenn er dazu Gelegenheit gehabt hätte. Das war in der Tat für die meisten eine arme Zeit, und viele wünschten die schönen -Tage der »Rhein-Ruhr« wieder zurück«. So weit berichtet die Chronik von Burgbrohl. Auch die Oberlützinger Chronik erwähnt den Wegebau im Zuge der Rhein-Ruhr-Hilfe. Es heißt dort:

»... Der im Bau befindliche Weg führt von Burgbrohl durch das Wiesental (Wolfsgraben genannt) nach Oberlützingen. Damit erhält Ober-lützingen endlich den schon lange geplanten guten Fuhrweg, worüber die Öchslein von Burgbrohl guten Grund haben, sich zu freuen«. Auch im nächstfolgenden Kapitel findet der Zusammenbruch des passiven Widerstandes Erwähnung, u. a. mit der bitteren Feststellung für die entlassenen Arbeiter, die der Erwerbslosenfürsorge überwiesen wurde. Wörtlich führt der Chronist an:

»... Die Unterstützung aus der Erwerbslosenfürsorge ist aber so gering, daß die meisten Arbeiter bittere Not leiden«. Trotz dieser schier unüberwindlichen Schwierigkeiten konnte am 24. Oktober 1926 in einer feierlichen Eröffnung die neue Straße eingeweiht und dem Verkehr übergeben werden. Bei der »Taufe« erhielt sie den Namen, den sie bis heute beibehalten hat: »Fritz-Beck-Straße«. Ein für die damalige Zeit beachtliches Eröffnungsprogramm war ein Motorradwettrennen, veranstaltet von Motorradclub Burgbrohl. Als Tagessieger wird Andreas Strang aus Niederoberweiler erwähnt.

Hierzu die Oberlützinger Chronik (28. 10. 1926):

». . . Trotz des schlechten Wetters nahmen die Bewohner von Nieder- und Oberlützingen mit Freuden an diesem Feste teil, hatten doch alle Grund sich zu freuen, daß endlich unsere Höhe durch eine gute Landstraße mit dem Rhein verbunden ist.

Früher war es eine mühselige Kletterei den Hellersberg herauf, wenn man von Brohl kam, und wie oft gab es im Winter bei Schnee und Glatteis eine unfreiwillige Rutschpartie in den tiefen Graben hinab. Mehreremal hat der Schreiber dieser Zeilen Frauen und Mädchen beigestanden, um wieder auf den steilen Pfad zu kommen. Oft halfen nicht einmal alte Strümpfe, die vorsorgliche Frauen, um das Ausgleiten zu vermeiden, sich über die Schuhe zogen.

Es ist also sehr verständlich, wenn alt und jung mit Freude an dieser Feier teilnahmen, zumal ja auch ein Motorradrennen, das zur Feier des Tages von dem Motorsportclub Brohltal veranstaltet wurde, die Neugierde und Schaulust der Bevölkerung befriedigt wurde. Trotz Regen- und Schneeschauern kamen die zahlreichen Motorradfahrer in rasender Geschwindigkeit angesaust, dabei eingehüllt in eine Spritzwolke von Schmutz, so daß die Rennfahrer im Ziel der Pechmarie im Märchen nicht unähnlich waren«.

Heute ist diese einstige Verbindungsstraße von Burgbrohl über die Lützinger Höhe wieder zurück ins untere Brohltal als Kreisstraße (K 69) gut ausgebaut, vor etwa 20 Jahren teilweise begradigt und verbreitet worden, wobei allerdings die einstige Idylle besonders über die Strecke des sog. »Ackers« zwischen Ober- und Niederlützingen verlorengegangen ist. Geblieben ist die wichtige Bedeutung der Verkehrsverbindung der beiden Höhengemeinden (heute Ortsteile) an das Brohltal und an den Rhein, und der Benutzer empfindet heute noch den landschaftlichen Reiz der Streckenführung, besonders in den großzügig angelegten Kehren zum unteren Brohltal.