750 Jahre Pfarrkirche Niederzissen

- ein Jubiläum, sein Umfeld und seine Geschichte

Dr. Wolfgang Dietz

750 Jahre - dieser lange Zeitraum vom Hochmittelalter (1250) bis zur 2. Jahrtausendwende nach Christi (2000) markiert für die Pfarrei Niederzissen 7 1/2 Jahrhunderte christliche Tradition unter dem Patrozinium des heiligen Germanus, des Bischofs von Auxerre. Denn im Jahre 1250 erfolgte die Weihe der St. Germanus-Pfarrkirche, deren bau­geschichtlicher Kern trotz etlicher Ab-, An- und Umbauten bis heute erhalten blieb.

1938 würdigten die Verfas­ser der Kunstdenkmäler der Rheinprovinz die Niederzissener Pfarrkirche wie folgt: „Der heutige eigentümliche Raumeindruck wird mitbestimmt durch die Verwendung von Teilen der voraufgegangenen Basilika aus der Mitte des 12. J[ahrhunderts], die nach den gefundenen Resten erheblich niedriger gewesen sein muss. Die Erhöhung bei dem Umbau im 13. Jahrhundert erforderte auch eine Aufstockung des Turmes um ein neues Glockengeschoss. Das Ergebnis des Umbaues ist ein bezeichnendes Beispiel für das lange Fortleben romanischen Formengutes bis in die Gotik hinein. Die Spitzbögen, Strebepfeiler und die hochgezogene Raumform zeigen fortgeschrittene Formen; diesen stehen spätromanische Elemente, wie Gratgewölbe, gleichwertig gegenüber."1)

Als gelungen kann auch der 7-eckige, südliche Erweiterungsbau des Architekten Vogel gelten, durch den die Pfarrkirche in den Jahren 1966 bis 1968 ihr heutiges Aussehen erhielt. Alte und neue Kirche wurden auf ideale Weise verbunden: Die dreischiffige Basilika mit ihrem zeltförmigen Anbau, der romanische Glockenturm und der moderne Dachreiter prägen seither das Ortsbild von Niederzissen.

Die Niederzissener Pfarrkirche mit dem Erweiterungsbau in Zeltform, 2000

Anfänge der Pfarrei

Vom 6. bis 9. Jahrhundert gliederte sich unser Gebiet zwischen Ahr und Mosel in sogenannte Gaue (z. B. Ahrgau, Mayengau). In diesen Gauen wurde im Zuge der christlichen Missionierung zu­nächst eine Gaukirche als Urpfarrei errichtet, „die später mit den nachträglich erbauten Kirchen einen Gaukirchenverband bildete."2) Also bereits damals ein System von Mutterpfarrei und angeschlossenen Filialkirchen.

Da wir davon ausgehen können, dass die im Jahre 1250 wieder geweihte Kirche, den hl. Germanus zum Patron hatte, der im Bistum Trier nie häufig anzutreffen war3), liegt der Schluss nahe, dass es sich bei Pfarrei und Kirche von Niederzissen um die Urpfarrei und damit die Mutterkirche des sie umgebenden Sprengels (im Brohltal) handelte.

Der hl. Germanus wurde 378 in Auxerre (Zentralfrankreich) geboren und starb am 31.7. des Jahres 448 oder 450 in Ravenna (Norditalien).4) Er verwandte sein Vermögen zu Klostergründungen und Kirchenbauten. Seine um 480 von Constantius von Lyon abgefasste Lebensbeschreibung (Vita)5) zählt den wichtigsten Geschichtsquellen für die Endphase des Weströmischen Reiches im damaligen Gallien und Britannien.

Das Innere des zeltförmigen Erweiterungsbaus (1966 bis 1971) der Niederzissener Pfarrkirche

Mit der Ablösung der alten Gauverfassung durch das System von Kleinterritorien mit Burgen als zentralen Herrschaftssitzen ändert sich im 10./11. Jahrhundert auch die Struktur des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. „An die Stelle der alten Gaugrafen treten solche, die sich nicht mehr nach den Gauen benennen, sondern nach den Burgen, die sie überall im Lande gründen. Zu diesen Grafen gehören auch die Grafen zu Wied, die ihre rechtsrheinischen Stammsitze noch durch Neuerwerbungen in der Vordereifel, also auf linksrheinischem Gebiet, vergrößern können und für einen Familienzweig im 11. Jahrhundert die Burg Olbrück erbauen. Niederzissen als Ur- und Taufpfarrei in der Olbrücker Herrschaft wurde damals bereits wie eine sogenannte Eigenkirche verwaltet; die Wieder Grundherren übten Patronatsrechte an der Pfarrkirche aus. Die Pfarrei Niederzissen deckte den gesamten Einflussbereich der Herrschaft Olbrück im mittleren Brohltal ab, und zwar: Niederzissen mit Ölmühle und Rodder, Oberzissen, Galenberg, Brenk, Fußhölle, Burg Olbrück, Hain, Niederdürenbach, Büschhöfe, Krummentalerhof6), Oberdürenbach, Schelborn, Berlerhof, Hannebach, Heulingshof, Wollscheid, Stockhof und Lochmühle. Hinzu kamen noch zwei inzwischen längst zu Wüstungen gewordene Höfe, nämlich: Almersbacher- und Maarhof.

Zur Organisation seit 1800

Nach dem Zerfall des 1. Deut-schen Reiches (1801 Frieden von Lunéville) nahmen die Franzosen in den von ihnen annektierten linksrheinischen Gebieten eine umfassende kirchliche und politische Neuorganisation vor. Unsere Region wurde als Teil des Arrondissements Bonn im Departement Rhîn-et-Moselle (Rhein und Mosel) dem neugebildeten Kanton Wehr zugeschlagen.

Der Kanton Wehr gliederte sich in die 3 Bürgermeistereien Kempenich, Königsfeld und Wehr mit folgenden Orten:

Mairie Kempenich:

Rieden, Volkesfeld, Waldesch, Hausten, Morswiesen, Wabern, Weibern, Engeln, Spessart, Hannebach, Wollscheid, Lederbach, Leimbach und Kem­penich.

Mairie Königsfeld:

Schelborn, Vinxt, Schalkenbach, Schirmau, Oberdürenbach, Büschhöfe, Niederdürenbach, Hain, Rodder, Dedenbach und Königsfeld.

Mairie Wehr:

Brenk, Galenberg, Glees, Laach, Niederzissen, Oberzissen und Wehr.7)

Im gesamten Kanton Wehr lebten im Jahre 1808 4.877 Einwohner, davon in der Bürgermeisterei Wehr 1.514 Personen.8)

Während Wehr zur zivilen Verwaltungszentrale aufstieg, wurde im kirchlichen Bereich die Pfarrei Niederzissen 1802 einerseits zur Kantonalpfarrei9) aufgewertet. Der Pfarrer von Niederzissen wurde Kantonalpfarrer mit staatlichem Gehalt, dem die 4 Pfarreien Königsfeld, Kempenich, Rieden und Wehr unterstellt waren. Durch Auflösung des alten Erzbistums Trier (1789 Verlust der Suffraganbistümer Metz, Toul und Verdun; 1802 Auflösung des deutschen Restbistums) gelangte unser gesamter Bereich an das neugegründete Bistum Aachen.

Andererseits begann die große Pfarrei Niederzissen nach und nach ihre Filialen zu verlieren: 1802: Schelborn, Heulings- und Berlerhof, 1804 Brenk (ohne Fußhölle) und Galenberg.

1821 endete das Aachener Intermezzo; Trier wurde wieder Bischofssitz für seine verbliebenen deutschen Gebiete.

Nachdem die Pfarrei Niederzissen 1920 durch die Erhebung Oberzissens zu einer eigenen Pfarrei auch noch ihre letzten Filialen - mit Ausnahme von Rodder - verloren hatte, begann sich der Trend in den 1970er Jahren aufgrund des fortschreitenden Priestermangels wieder umzukehren. 1979 gelangte Schelborn quasi zurück an Oberzissen; 1984 wurden die beiden Pfarreien Wehr und Niederzissen in Personalunion durch Pfarrer Müssenich von Niederzissen vereint. Somit unterstanden die Filialen Glees, Brenk und Galenberg wieder der Verwaltung von Niederzissen. 1994 erweiterte sich die bestehende Seelsorgeeinheit Niederzissen-Wehr um die Pfarrei Oberzissen mit ihren Filialen Schelborn, Ober- und Niederdürenbach mit Büschhöfe, Wollscheid und Hain sowie Fußhölle als Ortsteil von Brenk. Ende 2000 stieß schließlich noch die Pfarrei Königsfeld mit den 3 Filialen Dedenbach, Schalkenbach und Vinxt zu unserer Seelsorgeeinheit. Die Seelsorgeeinheit Niederzissen-Oberzissen-Wehr-Königsfeld ist somit heute räumlich größer, als die mittelalterliche Großpfarrei Niederzissen.

Jubiläumsveranstaltungen

Im Zentrum der Jubiläumsveranstaltungen sollte ein großes, zweitägiges Pfarrfest am Wochenende des 5./6. August 2000 stehen. Einen Abriss der Geschichte von Pfarrkirche und Pfarrei Niederzissen beabsichtigte man in Form einer kleinen Festschrift zu veröffentlichen, wozu der Festausschuss bei den Firmen und Gewerbetreibenden der Ortsgemeinde Niederzissen - erfolgreich - um finanzielle Unterstützung warb.

In enger Kooperation mit den Ortsvereinen konnte ein ansprechendes Festprogramm für 2000 geplant und realisiert werden:

Am Ersten Fastensonntag, dem 12.3.2000, wurde die Festschrift10) termingerecht der Öffentlichkeit vorgestellt. Eingebettet war die Vorstellung in eine Matinee mit Imbiss im Pfarrheim Niederzissen, die vom MGV Niederzissen musikalisch umrahmt wurde. Vorausgegangen war ein feierlicher Eröffnungsgottesdienst in der Pfarrkirche Niederzissen, der - unter Beteiligung des Blasorchesters Brohltal in besonders festlicher Weise begangen wurde - gewissermaßen als Auftakt für alle Jubiläumsveranstaltungen und Hinweis auf das große Pfarrfest im August 2000. Denn von März bis August 2000 fanden regelmäßig musikalisch besonders gestaltete Gottesdienste statt:

Außerdem standen mehrere Kurzkirchenführungen auf dem Programm.

Am 5.8.2000 fand ein Bunter Abend unter Beteiligung zahlreicher Ortsvereine in der Bausenberghalle statt, am 6.8.2000 folgte das eigentliche Pfarrfest:

Während des von 7 Geistlichen gehaltenen Festhochamtes segnete der Hauptkonzelebrant, Dompropst Dr. Leininger, die gerade instandgesetzte, 800 kg schwere, größte Kirchenglocke (Christkönigsglocke, gegossen 1337) – übrigens eine der ältesten erhaltenen Glocken im Kreis Ahrweiler11). Man hatte sie – quasi als Jubiläumsgeschenk – mit Hilfe vieler Sponsoren und Erträgen aus Jubiläumsveranstaltungen und Festschriftverkauf in Nördlingen reparieren lassen können. Am 31.7.2000 kehrte sie wohlbehalten nach Niederzissen zurück, am 19.8.2000 fand sie wieder ihren angestammten Platz im Kirchturm von St. Germanus, um pünktlich zur Kirmes am 9.9.2000 wieder ihren ,neuen’ alten Klang vernehmen zu lassen.

Nach dem auch musikalisch feierlich gestalteten Festhochamt am 6.8.2000 (Kirchenchöre, Instrumental-Solisten) nahm das Pfarrfest in den Räumen von Pfarrheim und angrenzendem Kindergarten (Foto- und Bilderausstellung) sowie – bei strahlendem Sonnenschein auf der Pfarrwiese – einen guten Verlauf. Das Programm bestritten u. a. das Fanfarencorps Brohltalklänge, die Damengymnastik- und die Kinderturngruppe.

Getrübt wurde die Festfreude allerdings im Vorfeld durch den Wechsel im Pfarramt und das Ausscheiden des Kaplans.

Als Leitgedanke stand über dem Jubiläum: Wir - die 2.115 Pfarrangehörigen12) aus Niederzissen und Rodder - wollen auch unter dem neuen Seelsorgeteam eine integrierende Gemeinde und Gemeinschaft sein - gerade auch mit Blick auf die neu hinzugekommenen Mitglieder unserer Seel-sorgeeinheit.

Anmerkungen:

  1. Gerhardt, Joachim/Neu, Heinrich/Renard, Edmund/Verbeek, Albert, Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler, 2. Halbband: Kirchdaun - Wirft
    (= Clemen, Paul (Hg.), Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Bd. 17, 1. Abteilung, 2. Halbbd.), Düsseldorf 1938, unveränderter Nachdruck Düsseldorf 1984, S. 441

  2. Haberkern, Eugen/Wallach, Joseph Friedrich, Hilfswörterbuch für Historiker - Mittelalter und Neuzeit, Erster Teil: A-K (1), 4. Aufl., München 1974, S. 223

  3. Vgl.: Schnitker, Friedhelm, Das Germanuspatrozinum in Niederzissen - Versuch einer Deutung Beitrag zur Pfarrgeschichte Niederzissens, in: Heimatjahrbuch für den Kreis Ahrweiler 1970, S. 43

  4. Vgl.: Schnitker, Germanuspatrozinium, a.a.O., S. 43

  5. Vgl.: Schieffer, Völkerzüge, a.a.O., S. 179

  6. Der Krummentalerhof existiert, anders als Volk, Niederzissen, S. 74, schreibt noch heute.

  7. Vgl.: Dietz, Wolfgang, Zur Geschichte der Pfarrei und Pfarrkirche Niederzissen - Festschrift aus Anlass der 750. Wiederkehr der Kirchenweihe im Jahre 1250, hgg. von der katholischen Kirchengemeind St. Germanus Niederzissen zum Pfarrfest 2000, Niederzissen 2000, S. 33-34

  8. Vgl.: Andre, Bruno, Das Dorf Wehr am Ende der 900-jährigen Steinfelder Epoche. Ein Beitrag zur Wehrer Geschichte, Bd. I, Wehr 1979, S. 40-41

  9. Vgl.: Schug, Peter, Geschichte der Dekanate Mayen und Burgbrohl und einzelner Pfarreien der Dekanate Daun, Gerolstein, Kelberg und Remagen, Trier 1961, S. 350

  10. Vgl.: Dietz, Niederzissen (vgl. Anmerkung 7), 64 S.

  11. Vgl.: Knippler, Wilhelm, Glocken der Heimat, in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Ahrweiler 1964, S. 95; Dietz, Niederzissen, S. 27

  12. Vgl.: Verbandsgemeinde-Verwaltung (VGV) Brohltal (Hg.), Einwohner-Statistik vom 31.12.1998: Ortsgemeinde Niederzissen, Meldebezirke 01 und 02