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HINWEIS (Artikel vom 10.10.1996):
Sie befinden sich im Pressedienst-Archiv der Kreisverwaltung Ahrweiler. Eine Gewähr für die Aktualität zum Zeitpunkt Ihres Aufrufs kann nicht gegeben werden.


Die Sorge um Nahrung war größer als das Interesse an Politik

Vor 50 Jahren fanden die ersten freien Kreistagswahlen statt

Mit einer "durch nichts mehr zu überbietenden Skepsis", so beschrieb der damalige Ahrweiler Landrat Dr. Hermann Schüling die Stimmung, sahen die Menschen jenem Ereignis entgegen, das die entscheidende Weichenstellung für die politische Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete: die ersten freien Kommunalwahlen im Herbst 1946. In einem Pressebericht blickt die Kreisverwaltung auf diese historischen Wochen vor 50 Jahren zurück.


Die Daten: Am 13. Oktober 1946 fanden in der französischen Besatzungszone die ersten freien Kreistagswahlen nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes statt. Dem vorausgegangen waren bereits die Gemeinderatswahlen am 15. September 1946. Der politische Neubeginn kam in der französischen Zone, zu der der AW-Kreis seit Juli 1945 gehörte, später und langsamer in Gang als in der britischen und amerikanischen Zone.


Die Parteien: Anfang 1946 wurden die Sozialdemokratische Partei (SPD) und die Kommunistische Partei (KPD) neugegründet beziehungsweise wiederbelebt. Die Christlich Demokratische Partei (CDP), die spätere CDU, formierte sich überwiegend aus früheren Mitgliedern der Zentrumspartei und aus christlichen Gewerkschaftern. Die Liberale Partei (LP), die in der Freien Demokratischen Partei aufging, verfügte im Kreisgebiet nur über wenige Mitglieder.


Das Interesse der Bevölkerung am politischen Geschehen war damals äußerst gering. Am 30. Oktober 1945 stellte Landrat Schüling fest: "Ein großer Teil der Bevölkerung steht diesen Fragen ziemlich teilnahmslos gegenüber, da er von den Sorgen um Nahrung, Kleider und Hausbrand (Brennholz usw.) voll in Anspruch genommen ist." Die Ohne-Mich-Haltung war weit verbreitet. Und am 1. Juli 1946 berichtete der Landrat dem Regierungspräsidenten von der "durch nichts mehr zu überbietenden Skepsis gegenüber allen politischen Zielsetzungen". Ein konkreter Entschluß, welche Partei gewählt werden sollte, wurde nach den Worten Schülings "durch die Tatsache erschwert, daß alle politischen Parteien, aus der allgemeinen Not heraus, ein in großen Zügen sehr ähnliches Programm haben und sich in erster Linie den Wiederaufbau zum Ziele setzen."


Vor den Wahlen verstärkten die Parteien ihre Wahlpropaganda und hielten zahlreiche Kundgebungen ab. Das politische Interesse war in den Städten größer als auf dem Lande. Großen Einfluß dürfte im Kreis Ahrweiler mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung der Wahlaufruf des Trierer Erzbischofs Franz Rudolf Bornewasser vom 8. September 1946 ausgeübt haben. Darin bezeichnete er das Wählen als "heilige Pflicht" und mahnte: "Es ist für euch als katholische Christen eine selbstverständliche Gewissenspflicht, von eurem Wahlrecht Gebrauch zu machen und nur solchen Männern und Frauen eure Stimme zu geben, von denen ihr überzeugt seid, daß in ihren Händen euer religiöses, wirtschaftliches und politisches Wohl in guten Händen liegt."


Erfreulich und unerwartet hoch war die Beteiligung an den ersten Gemeindewahlen. Sie lag im Kreis Ahrweiler bei 87,8 Prozent. Die CDP erhielt insgesamt 55,8 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen und errang 308 Mandate. Auf die SPD entfielen 8,9 Prozent und 20 Sitze. Die KDP erzielte 2,9 Prozent und zwei Sitze. Von großer Bedeutung waren die freien Listen auf örtlicher Ebene. Sie erhielten 32,3 Prozent und insgesamt 343 Sitze.


Die Gemeindewahlen verliefen im gesamten Kreisgebiet ruhig. In den Wahllokalen traten keine Streitereien auf. Das Einschreiten der für diesen Tag eigens entsandten Militärstreifen war nirgends erforderlich. Nur in Hönningen mußte die Wahl für ungültig erklärt werden, weil der Druckerei beim Abzählen der Stimmzettel ein Irrtum unterlaufen war.


Das Ergebnis der Kreistagswahl vom 13. Oktober 1946 im Kreis Ahrweiler ergab folgendes Bild: Von 66.627 Einwohnern des AW-Kreises (heute mehr als 125.000) waren 38.782 stimmberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 82,4 Prozent. Die CDP erhielt 79,7 Prozent (17 Sitze), gefolgt von der SPD (13,4 %, 3 Sitze), der KPD (3,9 %, 1 Sitz) und der LP (2,8 %, 1 Sitz). Damit erzielten die Christdemokraten erhebliche Gewinne gegenüber den Gemeindewahlen. Dies wird darauf zurückgeführt, daß die "freien Listen" auf örtlicher Ebene nicht mehr zur Wahl antraten. Die CDP als spätere CDU knüpfte an die Wahlerfolge der Zentrumspartei von 1933 an.


Ein Blick auf einige örtliche Einzelergebnisse der Kreistagswahl verdeutlicht regionale Unterschiede im Wahlverhalten. Die CDP erreichte in fast allen Orten die absolute Mehrheit. Ihr Stimmenanteil nahm von der Hocheifel in Richtung Rheinschiene ab. Einige Beispiele: In Hohnerath bei Adenau entfielen 100 Prozent der Stimmen auf die CDP, in Antweiler 88,3 % (KPD 2,8 %, SPD 7,7 %, LP 1,2 %). In Brohl erreichte die CDP 62,5 %, die KPD 7,8 %, die SPD 25,9 %, die LP 3,8 %. "Auch nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft erwiesen sich die konfessionelle Bindung der überwiegend katholischen Bevölkerung und die Sozialstruktur im ländlichen Raum als bestimmende Faktoren für das Wahlverhalten der Bevölkerung im Kreis Ahrweiler", analysierte Kreisarchivar Leonhard Janta die damaligen ersten freien Wahlen im Heimatjahrbuch 1996.


© Kreisverwaltung Ahrweiler - 10.10.1996

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