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Kreisverwaltung Ahrweiler - Was bringt uns die Aquatische Durchgängigkeit?

Was bringt uns die Aquatische Durchgängigkeit?

Ein Mittelgebirgsbach entspringt kalt und nährstoffarm in höheren Lagen. In Abhängigkeit von der Beschaffenheit des Untergrundes wäscht er sich ein Bachbett aus, in dem das Wasser mehr oder weniger gebündelt talabwärts der Schwerkraft folgt.

Je länger dabei das Wasser an der Oberfläche ist und je tiefer die Lagen sind, die es erreicht, desto mehr erwärmt es sich. Gleichzeitig reichern sich zunehmend Nährstoffe an, die als Lebensgrundlage für viele Pflanzen und Tiere dienen.

Die meisten der etwa 3.500 verschiedenen Arten von mehrzelligen Bachlebewesen in Europa legen Eier um sich fortzupflanzen. Diese Form der Reproduktion ist mit vergleichsweise geringem Aufwand pro Nachkomme verbunden und ermöglicht hohe Fortpflanzungsraten. Diese Strategie bringt jedoch auch Risiken mit sich. Einerseits können Eier leicht Fressfeinden zum Opfer fallen und andererseits kann schon kurzfristiger Sauerstoffmangel zum Absterben der Eier führen.

Die besten Chancen, diesen Gefahren auszuweichen ergeben sich durch Eiablage in den quellnahen Gewässerregionen. Dort ist das Wasser besonders kalt und sauerstoffreich, außerdem können sich dort potentielle Fressfeinde aufgrund der extremen Nährstoffarmut nicht dauerhaft aufhalten.

Dementsprechend setzen die meisten Bachlebewesen alles daran zur Eiablage den Bach so hoch wie möglich empor zu wandern.

Fische, wie Forelle oder Lachs, nehmen dabei mitunter erhebliche Verletzungen in Kauf, wenn sie unermüdlich versuchen Hindernisse zu überwinden oder in flachen Gewässerabschnitten über den Grund schrammen, um in Bereiche vorzudringen, in denen eine schwimmende Fortbewegung kaum noch möglich ist. Die meisten Bachinsekten fliegen, wenn die artspezifische Fortpflanzungszeit gekommen ist, alljährlich einige Kilometer bachaufwärts, um für ihre Brut die bestmögliche Kinderstube zu finden.

Mit dem Schlupf der Larven beginnt die langsame und kontinuierliche Abwanderung. Sie können in den quellnahen Bereichen nicht bleiben, weil sie dort kaum Nahrung finden. Den wachsenden Nahrungsansprüchen folgend, wandern sie im Laufe ihrer Entwicklung aktiv oder passiv mit der Strömung in zunehmend nährstoffreichere Gefilde; einige Fischarten wandern dabei sogar ins Meer ab. Sobald die Tiere ihre Fortpflanzungsreife erreicht haben, kehren sie wieder um und wandern gegen die Strömung zurück, um selbst quellnah ihre Eigelege erfolgversprechend unterzubringen.

Diese sich über Jahrmillionen bewährte Strategie bewirkt, dass nahezu alle bachlebenden Tierarten regelmäßig auf- und abwandern müssen, um überleben zu können.

Heutzutage sind jedoch durch die Art der Landnutzung des Menschen diese überlebensnotwendigen Ortswechsel in vielen Gewässern kaum noch möglich. Durch Wanderbarrieren werden Lebensräume unüberwindbar zerschnitten und verarmen allmählich bezüglich ihres Artenpotentials. Gerade die speziell angepassten Arten, die einst typisch für unsere Gewässer waren, sind vielerorts dadurch verschwunden.

Im Rahmen von Naturschutzmaßnahmen versucht man dem Artenschwund entgegen zu wirken. Naturverträgliche Alternativen werden gesucht, die möglichst ohne Nutzungseinschränkungen die wichtigen Wanderrouten für die Bachlebewesen wieder öffnen. Dadurch wird vielen lokal verschollenen Arten die Möglichkeit gegeben, wieder einzuwandern und sich anzusiedeln. Davon profitiert letztendlich das gesamte Ökosystem; nicht zuletzt auch die Endkonsumenten der Nahrungsketten, wie zum Beispiel die Fische und deren Fressfeinde. Eines ist jedenfalls sicher, egal ob Insekt, Fisch, Vogel oder Säugetier, gesunde reproduktive Populationen können sich für die meisten Arten nur in einem intakten Ökosystem mit natürlicher Struktur- und Artenvielfalt entwickeln.

Gerade in der Eifel sind stellenweise solche wertvollen Kleinode auch heute noch vorhanden und könnten für andere Gewässerabschnitte nach einer Renaturierung als Ausbreitungszentren dienen.

Heutzutage stellen vor allem die vielen Bachverrohrungen unter den Wegequerungen unüberwindbare Hindernisse für viele Bachorganismen dar. Aber auch Teichanlagen,Wehre, Fichtenriegel, Sohl- und Uferbefestigungen haben häufig die gleiche Wirkung.



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